Seit seiner Gründung 1881 hat sich das VDP-Weingut Stigler zu einer der ersten Weißweinadressen Badens und vielleicht Deutschlands entwickelt und wird dafür in der Fachpresse gebührend gefeiert. Auf rund 13 ha stehen Burgundersorten, Silvaner, Traminer, Sauvignon blanc und Chenin blanc, Schwerpunkt liegt jedoch auf Riesling, der vorwiegend als VDP.ErsteLage® und VDP.GrosseLage® klassifiziert ist. Der Grundcharakter der Weine, selbst der Roten, ist ihre ausgesprochene Feinheit: selbst die alkoholstärksten Weine wirken keineswegs wuchtig, und ihr graziler Stil erstaunt angesichts ihres aromatischen Reichtums bei jedem Schluck aufs Neue. Das beängstigend große Programm umfaßt mehr als 80 Positionen, was nur durch Beschränkung zu bewältigen ist - bei Stigler mittels kleiner Mengen, beim Kunden durch genaue Vorstellung darüber, worauf man sich konzentrieren will und was man getrost beiseite lassen kann.

Stigler-Weine verlangen und verdienen Geduld: 2017 kommen für uns so langsam die 2010 bis 2012er Jahrgänge dran. Dabei machen wir immer wieder die Erfahrung, daß der Zahn der Zeit an diesen feinen Tropfen manchmal stärker nagt als erwartet. Die Jahrgänge - wir beobachten seit 2006 - und selbst Weine derselben Charge schwanken qualitativ erheblich, mehr als anderswo, aber das liest man in der "Fach"-Presse" natürlich nicht.

Weissweine

Ein wirklicher Exot im Kaiserstuhl ist der Chenin blanc, französischer Kontrapunkt zum Riesling, hierzulande kaum zu finden und eher in Südafrika und Kalifornien en vogue. Stigler bietet die fäulnisempfindliche Sorte nur in idealen Jahrgängen an, hin und wieder auch als Cuvee mit seinem Verwandten Sauvignon blanc. Im Vorfrühling 2015 öffneten wir eine Flasche der 2009 Chenin blanc Spätlese trocken - "aus Versuchsanbau", denn die seit Jahrhunderten kultivierte Sorte ist hierzulande ja nicht "offiziell klassifiziert". Ähnlich wie Chardonnay läßt sich Chenin blanc stilistisch in vielerlei Richtungen dirigieren. Stigler baute ihn seinerzeit nach Riesling-Machart aus: klar, feinnervig, transparent, im Duft intensiv gelbfruchtig, geschälte Mandel, Kalk, im Mund ausdrucksvoll und frisch ohne ausgeprägte mineralische Akzente, dafür umso mehr Steinobst, herbe Kräuter, weißer Pfeffer, ja genau: ein Wein mit Pfeffer, und zwar viel davon. Sortentypisch freche, aber gut verwobene Säure. Der frische 2016er ist wiederum gelungen: bittersüßer Duft wie von Heu, Kaffee, Blüten; im Mund rassig, kräftig, würzig. Zitrusbestimmt und schmeichelnd süß mit langem Nachhall. Kein Essensbegleiter, den man wählt, weil er nicht weiter stört. Vielmehr einer, zu dem man Edelfisch, Krustentiere oder die Gemüse sorgfältig aussuchen muß, damit sie nicht vom Tisch gefegt werden. Aber es ist auch ein Wein, der - wenn das alles zu kompliziert wird - auch ganz unkompliziert alleine getrunken werden kann. Achtung: 14 Vol-%.

Zu den Rieslingen: das waren vor einigen Jahren und zumindest in der GG-Klasse klare Alternativen zu den großen Namen von Rheingau oder Mosel. Wir erinnern uns an den honigduftigen und ungemein facettenreichen 2007 Ihringer Winklerberg Riesling F36 trocken GG. Der aktuelle 2010er schläfert mit seinem tiefen, exotischen Duft ein und weckt mit einem Strauß getrockneter, bittersüßer Kräuter und Zitrus wieder auf. Vollmundig und trotzdem schlank wirkend mit feinem, saftigem Säurespiel. Mittlerweile verliert der Wein etwas an Kraft, aber das ist nicht der Grund, weswegen wir erstklassigen Riesling nach wie vor lieber im Norden suchen. Der Duft, wenn der Sommerregen beginnt, Honig, ein Obstgarten oder die Blumenwiese in der Sonne, stahlige Mineralität bis hin zum Petrolton - alles was wir an Riesling schätzen, präsentiert sich bei diesen Tropfen hier zurückhaltend bis scheu. Mit dem Chenin blanc trifft der Kunde jedenfalls die bessere Wahl. Die 2009 Riesling trocken und 2009, 2015 Riesling F2 kommentieren wir in den Hitlisten.

Zehn Jahre Traminer

Die rosenduftige 2007 Ihringer Winklerberg Traminer Spätlese trocken begleitet uns im Frühjahr 2017 seit zehn Jahren. 2008 erwarben wir die erste Kiste, waren vom jungen Wein schwer beeindruckt und schlugen ein Jahr später - gegen einigen Widerstand des Verkaufspersonals - nochmals zu. Aromatisch ist der Wein von süßer Birne, Ananas und einem getrockneten Kräuterstrauß bestimmt, sehr weich und schmeichelnd auf der Zunge, kräftig am Gaumen, alkoholreich. Typisch für Stigler ist dann auch die Entwicklung über die Jahre: eine im Sommer 2013 geöffnete Flasche war tot, weitere im Frühsommer 2014 und im Januar 2017 perfekt. Mittlerweile ist der Wein schwer geworden, intensiv, dramatisch. Ein meditativer Alleinunterhalter, und das wird auch für den alkoholstarken, muskat- und birnenfruchtigen 2015er gelten. Der weiche, süße und in seinem Facettenreichtum spannende Wein beschert heute schon großes Trinkvergnügen, aber wir raten dringend zu zwei, drei Jahren Geduld.

Rotweine

Es ist immer ein Vabanquespiel. Nehmen wir den 2005 Ihringer Winklerberg QbA Spätburgunder trocken RS. In der Farbe an Trollinger erinnernd füllte der Wein den Mund beeindruckend, war körperreich ohne schwer zu wirken, und verschwand, ja verflüchtigte sich irgendwann. Bei der ersten Probe 2010 hinterließ der Wein Leere oder präziser: die Erwartung erheblich bissigerer Noten. Zwischendurch hatten wir ein Streichergebnis. Vier Jahre später präsentierte er sich als Schmuck der ganz großen Tafel, und wer weiß, wie er 2020 sein wird. Einem 2012 Ihringer Winklerberg Spätburgunder trocken geben wir im Spätsommer 2017 nicht mehr viel Zeit, aber bei Stiglers kann man sich immer täuschen. Ein stark mineralischer, hochreifer Spätburgunder, der seine Frucht (Pflaumenmus) noch nicht verloren hat, dessen Aromatik aber stark in Richtung streng-bitter geht. Auf der Zunge weich, rundgeschliffene Tannine, guter Nachgang. Vielleicht sollte man doch eine Stufe höher wählen und zwar den 2011 Freiburger Schlossberg Spätburgunder GG . Der wirkt lebendiger, das Pflaumenmus wird zum süßen Pflaumenkompott, er fließt weich und voll über die Zunge, wird im Abgang sehr kräftig, und die 14 Vol-% sind wieder meisterhaft versteckt. Noch kräftiger präsentiert sich der 2010 Ihringer Winklerberg Spätburgunder GG "Backöfele". Das "Backöfele" ist der Name eines alten Gewannes, das mit dem Deutschen Weingesetz 1971 zwar verschwand, aber nicht vergessen wurde. Gereift, ohne unbedingt auf dem Höhepunkt zu sein, sehr vollmundig und trotzdem leicht zu trinken. Fast keine Tannine mehr. Vorherrschende Noten von Kaffee und nassem Leder verdrängen fast die Frucht, machen den Wein aber tief, robust und komplex. Er ist im Geviert der Großen Gewächse vom Spätburgunder die Wahl, denn die Zeit des 2009 Ihringer Winklerberg Spätburgunder GG "Roter Boden" ist fast um. Sehr trocken und immer noch pflaumenfruchtig läßt er seine einstige Wucht erahnen, und doch droht schon die unverkennbare Schärfe des Herbstlaubes. Ein ehrwürdiger Wein. Austrinken.

Süßweine

Paßt die bekannte Schwere solcher Weine überhaupt zur Stiglerschen Leichtigkeit des Seins? Drei Versuche, und wir erklettern mit den Trockenbeerenauslesen gleich die Spitze der Kunst. Schon die 2013 Oberrotweil F1 Ruländer TBA mit ihren für das genre ungewöhnlichen 12 Vol-% Alkohol zeigt die Machart der Stiglerschen TBAs: durchgegoren, alkoholstark, aromatisch außergewöhnlich komplex und weit jenseits der üblichen Rumrosine. Im Ansturm auf die Sinne extrem, stilistisch voll, aber auf der Zunge klar definiert, transparent mit spürbarer Säure. Selbiges gilt für die 2013 Traminer TBA VDP.ErsteLage mit ihrer feinen mineralischen Note, aromatisch überbordende Frucht, etwas weicher als die Ruländer TBA, fließt sanfter als Seide über die Zunge und besitzt Potential für viele Jahre der Lagerung. Das Extrem stellt die 1996 Müller-Thurgau TBA dar, eine Erinnerung an längst gerodete Bestände und, seltsam aber wahr: ein preis-werter Wein. Im Duft reine Bourbonvanille, die Bitterkeit von Walnußhaut, im Mund ein flüssiges Karamellbonbon und die Welt kandierter Südfrüchte. Stilistisch extrem dicht, eine Glycerinbombe, ein Zuckerteppich (nicht ohne Säurespitzen), ein Wein zum Kauen. In dieser Art selten erlebt. Besondere, köstliche Weine - sicherlich die besten des Kaiserstuhls.