Die Geschichte der O begann 1997 aus dem Zusammenschluß des über 500 Jahre alten Weingutes “St. Andreas” mit dem Weinbauversuchsgut der Stadt Offenburg. Auf rund 45 ha wachsen badische Klassiker und einige Weltweinsorten für ein großes Programm - über 50 Positionen zuzüglich Sekten und Destillaten, aber klar strukturiert: Einsteiger-Linie “St. Andreas”, “Klassisch”, Premium “SL” ertragsreduziert, “Barrique” im schweren Stil sowie “Edelsüß”. Kellermeister Hanspeter Rieflin gelingt es in allen Linien, volle, aromatisch teils extrem intensive Weine zu machen, ohne die Alkoholbombe zu zünden.

Weissweine

2012 war auch in der Ortenau ein weißes Jahr, zum Beispiel für den Klingelberger (vorsichtshalber ist auf den Etiketten vermerkt, daß es sich um Riesling handelt). Wir sehen uns in der Linie “Klassisch” um. Die Klingelberger sind eher vom blumigen als vom mineralisch-würzigen Typ, stilistisch kräftig, geschmacklich sehr intensiv. Zu jung sind sie im Frühjahr 2013 natürlich alle, aber der 2012er Kabinett Halbtrocken zeigt schon feine Süße, die Säure ist noch bockig, scheint aber gut eingebunden, und die Aromen von Zitrone, Pfirsich, Aprikose und Wiesenblumen sind saftig und kräftig. Wer nicht warten will, kann loslegen, alle anderen werden sich in einem Jahr für ihre Geduld belohnt sehen. Der 2011er Kabinett trocken mit frischem, mildem Säurespiel, vollmundig, würzig und gelbfruchtig von Pfirsich und Zitrone scheint uns dagegen genau richtig. Die 2011er Spätlese trocken ist in Duft und Mund saftig gelbfruchtig, mit ihrer Süße sehr geizig und trotzdem vom duftigen Typ. Diesem Klingelberger beließ man durch Edelstahl-Ausbau seine Transparenz und Mineralität, was ihn stilistisch geradlinig und aromatisch eigentümlich macht. Langer Nachgang! Eine Faßprobe des 2012er Qualitätswein trocken SL entfachte saftige gelbe Apfelnoten und im Nachgang eine süße Aromenexplosion, braucht aber definitiv noch mindestens ein Jahr Zeit zur Reifung.

Wem das alles zu sommerwiesenblumenharmonisch ist, kann auch Härteres haben: 2011 Weißer Burgunder Kabinett trocken Klassisch, der 3S-Wein: Stark Salzig Selbstbewußt. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs seit drei Tagen auf der Flasche. Aromatisch wie ein süßer, angebissener Apfel, dessen Fruchtfleisch braun zu werden beginnt. Die Faßprobe des 2012er war geschmacklich sogar noch intensiver. Die 2011 Spätlese trocken Premium SL läßt auch nicht viel Luft zum Atemholen: im Duft täuschend sanft mit Apfel, Mandel und Salz, schlägt sie im Mund plötzlich aus; kräftig, würzig, und dieser Gegensatz macht den Wein unheimlich spannend. Die 2012 Cuvee weiß Klassisch aus Weiß-, Grauburgunder und Chardonnay vereint die Aromatik der Weiß- und Grauburgunder mit der Weichheit des Chardonnay. Sie ist aromatisch intensiv, stilistisch fast glatt, aber mit festem Körper. Ein perfekter Gastronomiewein: scheint unkompliziert, stört die Konversation nicht, ist aber sofort präsent, wenn man sich fragt, was man da eigentlich im Glas hat. 2012 Silvaner Kabinett trocken Klassisch: unüblich weich und tief, apfelfruchtig, erdig und mineralisch. Um festzustellen, wo er hingehört, werden wir ihn demnächst mit einem erstklassigen Franken vergleichen.

Die Sauvignon blanc sind Rieflins walk on the wild side. Der Einsteiger 2012 Sauvignon blanc Qualitätswein trocken St. Andreas gibt einen Vorgeschmack auf die Machart: im Duft fett, im Mund schlank, nervig, kräftig mit saftig-stachelbeeriger Typizität, trotz feiner Säure stark, frisch und erfrischend. Dem 2012 Sauvignon blanc Kabinett trocken Klassisch mutet Rieflin vier Wochen Gärzeit zu, was ihn milder und süßer als den St. Andreas, aber auch intensiv und rassig mit wilden Akzenten macht. Schließlich beeindruckt der 2012 Sauvignon blanc & Sauvignon gris trocken mit enormer aromatischer und stilistischer Bandbreite von würzigen Kräutern und Stachelbeere bis hin zu tropischen Früchten, von schlankem, kräftigem Körper bis hin zu großer Vollmundigkeit. Sein Nachgang will nicht enden; ein Käfer-Wein: er läuft und läuft. Viele sogenannte Sauvignon blanc-Experten müssen hier schlicht einpacken.

Rotweine

Nehmen wir noch einen Roten, zum Beispiel den 2011 Pinot Noir trocken Klassisch, einen typischen Vertreter der würzigen Pinot-Fraktion: Nelke, Lebkuchengewürz, Gemüse, Speck, auch bittere, erdige Noten. Voll, duftig, sehr lang; Preis/Leistung erstklassig! Wenn Rieflin sagt, Schloß Ortenberg sei noch nicht dort, wo es hinwolle, muß man fragen: wo soll das hinführen!

Süßweine

Wie jeder Kerner- und Trollinger-Kenner bestätigt, kann es Jahrzehnte dauern, einer Massensorte ihr Negativimage auszutreiben. Dieses Schicksal suchte auch jenes profilarme Zuckerwasser der siebziger Jahre, die Scheurebe, heim. Die 2012 Scheurebe Spätlese Klassisch spielt in der Dessertwein-Liga ihre Rolle aber nicht schlecht. Ein tiefer Wein mit Honig, Holunderblüten, Cassis, spürbarer, aber feiner Säure und stilistisch dank hohem Restzucker weich und ölig. Mineralischer, fast brandiger Nachgang. Geschmacklich unbedingt den Versuch wert und preislich eine echte Alternative zu teuer erkauften Auslesen. Er kam uns außerdem gradliniger, natürlicher, kurz: echter vor als die vergleichbare Solaris Beerenauslese vom Blankenhornsberg.