Auf nicht einmal zwei ha Rebfläche baut der garagiste Albrecht Schwegler kleine Mengen verschiedenster Rebsorten an, aus denen er Cuvees komponiert, die zu den besten Württembergs zählen. An Klarheit läßt sein Produktprogramm nichts zu wünschen übrig: Beryll, Granat, Saphir als prätentiöse Namen für rote Cuvees, dazu noch zwei Weißweine mit dem Namen "Achat" - das wars im wesentlichen. Konsequente Barrique-Philosophie ergibt muskulöse Weine von außerordentlicher Duftigkeit, die mangels Masse schwer zu bekommen sind, auch nicht im Weingut selbst, und ohnehin nur in klimatisch guten Jahren erzeugt werden. Am sichersten geht man durch Besuch der lokalen gehobenen Gastronomie, oder der Lebensmittelhandel in der Gegend kaufte ein paar Flaschen auf.

Die roten Edelsteine

Beryll und Saphir sind dunkle, schwere Weine, wobei der in gebrauchtem Barrique ausgebaute Beryll etwas leichter scheint als Saphir. Angeblich sind beide aus Lemberger und Zweigelt gekeltert, vielleicht spielen auch noch andere Rebsorten hinein, aber wenn man nur grobe Angaben macht, bleibt bei der Komposition mehr Spielraum übrig. Den Aufwand, den Schwegler seinen Cuvees zuteil werden läßt, schmeckt man: die Rebsorten werden getrennt ausgebaut und erst nach mehreren Jahren Reife zur Cuvee komponiert. Beryll und Saphir sind nicht einfach zu trinken und eher als Begleiter zu hochklassigen, nicht zu feinen Speisen zu empfehlen denn als Alleinunterhalter. Nach wie vor benötigen die Rotweine viel Zeit, um zu reifen. Ein im Frühsommer 2016 geöffneter 2012er Beryll zum Beispiel wirkte viel zu jung - die nächste Flasche ist in vier Jahren dran. Ein 2011er Saphir dagegen überzeugte im Sommer 2017 mit dichter Struktur, samtigem Körper und delikaten Noten aus dem Holzausbau: Zimtstangen und Zigarrenkiste. Auch zehn Jahre der Lagerung sind kein Problem, was vor allem für den Granat (Zweigelt, Merlot, Lemberger, Syrah) gilt. Ein fruchtiger, sehr saftiger Wein mit fester Gerbstoffstruktur; Schweglers Spitzenprodukt zu einem Preis, der guten Franzosen nahekommt. Vorrangig von allen Beeren geprägt, die im Wald zu finden sind.

Ganz unprätentiös zeigt sich dagegen der sogenannte Alltagswein in der Literflasche mit dem Namen „dr Oifache“. Einfach ohne Jahrgangsangabe und Sortenbezeichnung (angeblich hoher Trollingeranteil, wir vermuten auch Lemberger), und ab jetzt wird es kompliziert. Württemberger Art spiegelt sich im „dr Oifache“ hervorragend wider: erdig, stark, geradeaus, auch etwas unzugänglich. Dank spürbarer Säure wirkt er kantig, schmeichelt nicht, sondern fordert heraus. Ein robuster Wein - widersteht der deftigen Küche, dem Sauerkraut, der Bratensoße und drängt energisch alles Leichte vom Tisch. Er ist anstrengend und überhaupt nicht einfach, verlangt Aufmerksamkeit, bietet durchaus Komplexität und ist ein eigenwilliger Vertreter seiner Klasse. Nicht jedermanns Sache.

Weiße Halbedelsteine und Rock'n Roll

Achat ist der Name für zwei Weiße, einen trockenen und einen feinherben. Letzterer ist ein sehr süß ausgebauter Kerner, eindeutig ein Dessertwein; reich, ohne fett zu sein und durchaus komplex mit vielfältigen Aromen von gelben Früchten. Etwas Säure hätte ihm sicherlich zu mehr Charakter verholfen. Aber wer einen säurereichen Wein sucht, wird bei Schwegler auch fündig: mit dem sprechenden Namen Hagelschlag 30.05.2008 schuf Schwegler einen aus der Not geborenen Blanc de Noir, der durch heftige, grüne Säure beherrscht ist. Nichts für empfindliche Mägen, ein Totschläger. Erst mit dem zweiten, dritten Schluck offenbaren sich das gewaltige Ananasaroma und der Anklang von Honigmelone mit starkem Körper, was uns ständig zum Glas greifen läßt. Nicht zuviel Alkohol: der Balanceakt zwischen Leichtigkeit und Körper gelang. Entfernte feine Bitternote. Ein wirklich erfrischender Terrassenwein, nur leider nicht mehr zu bekommen. Schließlich öffnen wir im Sommer 2017 den 2014 First Steps Rock'n Roll und zwar die Nummer 381 von 1111 nummerierten Flaschen samt Unterschrift des Meisters. Klarer Chardonnay-Schwerpunkt mit Riesling und Grauburgunder, barriquegereift. Im Duft etwas unspezifisch, im Mund überraschend herb, Williamsbirne, Orange und eine vorherrschende Bitternote, die an Heu erinnern mag. Langer Nachhall. Saftiger, dicker, Chardonnay-typisch weicher Wein, mit dessen seltsamem Geschmacksbild man ringen muß. Braucht sehr lange, sprich: viel Sauerstoff, bis er sich entfaltet, aber warum soll man nicht auch einmal einen Weißwein dekantieren. Völlig mißlungene Namensgebung für einen Wein, der alles andere als flott und rockig daherkommt, sondern an den Stil schläfrig-fetter Übersee-Chardonnays erinnert, jedoch ohne deren Frucht zu besitzen. Das alles und ein inakzeptables Preis-/Leistungsverhältnis führt uns zurück zu Schweglers Rotweinen und der Erkenntnis: weiße Württemberger sind woanders besser.