Rainer Zang, Nordheim am Main, Franken:
2015 Müller-Thurgau "Gegenstrom"

Satt grünwürziger Duft mit feiner Muskatnote, kühl und frisch wie eine Nordseebrise, selbst wenn er aus Franken stammt. Wirkt auf der Zunge zunächst recht unbeschwert, aber seine Aromatik ist kräftig und präzise, fein würzig und gelbfruchtig mit subtiler, muskatschwangerer Süße, die umso präsenter wird, je unverschämter sich Counterparts aufspielen. Am Gaumen saftig, dicht und druckvoll, kaum spürbare, jedoch stets gegenwärtige Säure. Im Abgang entfaltet sich der „Gegenstrom“ mächtig und endlos. Der für Franken herausragende Jahrgang spielt dabei sicher eine Rolle, dennoch: weniger Müller-Thurgau als dieser darf es ab jetzt nicht sein. Referenz für die Rebsorte.

Zehnthof Luckert, Sulzfeld am Main, Franken:
2017 Sulzfelder Müller-Thurgau

Kaum überraschend, daß Luckerts Interpretation des Müller-Thurgau ausnehmend elegant und feingliedrig ausfällt. Ein frischer, kühler Wein, der bei aller Noblesse nie das „easy drinking“ verläßt, aber stets auf der stilvollen Seite bleibt. Keinesfalls ein süß-schmeichelnder Müller, sondern im Gegenteil druckvoll, kräftig und äußerst robust - wir forderten ihn am Grill heraus, und er entfaltete Noten von süßem Kernobst neben der fränkisch-typischen Duftigkeit weißer Blüten und feiner Muskatwürze. Der kompromißlos trockene Ausbau und die feingeschliffene Säure tun das Ihre dazu. Ein beeindruckendes Werk. Wohl dem, der das Geld dafür ausgeben kann.

Ökologischer Landbau Kraemer, Auernhofen, Franken:
2016 Müller-Thurgau "Silex"

Dieser naturtrübe, knochentrockene und an nicht ganz reifen Boskop erinnernde Müller ist an Echtheit kaum zu übertreffen. Vielleicht waren es genau solche Weine, die August Dern 1915 vom kommenden Zeitalter des Müller-Thurgau schwärmen ließen. Rau, tief, schon mit einer gewissen Komplexität, dicht und sehr kräftig - nie und nimmer mit einem „modernen“ Müller verwechselbar. Aromatisch wie gesagt Boskop, außerdem scheue Noten weißer Blüten, erdige Würze, die irritierend wilden Noten aus der Spontanvergärung, im langen Nachhall wird der Boskop über dem Feuer gebraten. Erfrischend und nichts weniger als nur vergnüglich. Dürfte außerdem noch einige Jahre vor sich haben.

Ökologischer Landbau Kraemer, Auernhofen, Franken:
2016 Müller-Thurgau "Muschelkalk"

Im Duft eine sonnengeflutete Blumenwiese, vielleicht auch schon gegen Ende des Sommers, wenn sich würzig-bitteres Heu hinzumischt, daneben süßes Marzipan. Im Mund grüne Äpfel, bittere, getrocknete Bergkräuter, Zitronenabrieb, feine mineralische Würze. Ein Hauch vom Gletscherbonbon - wenn das ein Neuenburger wäre, es wunderte niemanden. Weicher als der Silex, eleganter, leichter, einfacher zu trinken und schwerer zu verstehen. Keinerlei Zugeständnis an die Zuckerliebhaber, seine subtile Süße muß man mit der Zunge mühevoll herauslösen. Kraftvoll, frisch und erfrischend und ebenso klischeefeindlich wie der Silex.

Juliusspital, Würzburg, Franken:
2016 Müller-Thurgau

Der zart muskatwürzige Duft erinnert mit seiner kalkigen Mineralität an die Aromatik eines gelbfruchtigen Silvaners. Im Mund überrascht er mit kraftvoller, aber fein eingewobener Säure, die den Wein vor dem Prädikat "feinherb" rettet. Aromatisch gelber Apfel, weißer Pfeffer, am Gaumen saftig, schmelzig, animierend und lange nachwirkend. Ein „Wein für jeden Tag“, wäre der Begriff nicht so abgenutzt, zumindest für jeden Sommertag, denn seine selbstbewußte Bitternote weckt die müden Sinne und seine Kühle erfrischt. Die Süße der Frucht entfaltet sich mit zunehmender Erwärmung delikat, und der Wein bleibt stabil und kräftig. Erfüllt die hohen Erwartungen, die man an die Weine vom Juliusspital stellt, umstandslos.

Kloster Pforta, Bad Kösen, Saale-Unstrut:
2017 Müller-Thurgau trocken

Fruchtiger Duft, in seiner Intensität an einen kräftigen Riesling erinnernd, mineralische Schärfe, aber auch ein feiner floraler Akzent. Im Mund für einen Müller voll, sogar füllig, jung und frisch, säurestark und saftig, Zitronenschale, Kiwi, recht feine Muskatwürze. Langer und kräftiger Nachhall, auch hier wieder ausgeprägte Mineralik, und die präsente und anhaltende Bitternote getrockneter Gartenkräuter steht einem klassischen Terrassenwein wie ihm ausgesprochen gut. Nicht so differenziert wie Kraemers „Muschelkalk“, und ein „Wein für jeden Tag“, wie die Werbung wissen will, ist er sicherlich auch nicht. Aber das ist bekanntlich ein Kompliment.

Bickensohler Weinvogtei, Bickensohl, Baden:
2016 M-T Fresh trocken

Müller-Thurgau begegnet uns im Kaiserstuhl nicht häufig - aus gutem Grund und wozu auch, in dieser burgundergesegneten Gegend. Umso mehr freut uns dieser kräftige Wein mit seiner kaiserstuhltypisch überbordenden exotischen Frucht; Fenchelgrün und viel weißer Pfeffer runden ihn ab. Im Mund alles andere als "trocken", süß, süffig, kompakt, dabei fängt die lebendige Säure seine Üppigkeit recht gut ein. Bodencharakteristik fehlt ihm völlig, deswegen auch jede mineralische Spannung, dafür ist er ein äußerst flexibler Begleiter mit breiten Einsatzmöglichkeiten. Sein Preis-/Leistungsverhältnis: sensationell. Wer frühere Jahrgänge kennt, wird außerdem feststellen, daß der 2016er ausgefeilter wirkt, wenn man will: filigraner - sofern „filigran“ überhaupt das Wort für diese füllige Bombe sein kann - oder eben: kunstvoller. Schönes Beispiel für die neue Philosophie der Bickensohler Weinvogtei.

Felsengartenkellerei Besigheim, Hessigheim, Württemberg:
2017 Rivaner

Ach so, dieser hier heißt Rivaner. Seis drum. Im Duft Maracuja, Feuerstein ganz stark, sehr spannend. Im Mund exotische Süße, leider viel zu viel davon, überreifer gelber Apfel und spürbarer Muskatton, sonst ziemlich unspezifisch, und im Vergleich mit dem dicken Bickensohler hinterläßt er eine gewisse Leere. Wirkt wegen nahezu völlig fehlender Säure breit. Angenehm bitterer, wenn auch kurzer Nachhall. Kühle Temperierung ist wichtig. Vergleicht man ihn direkt mit hochklassigen Franken, hat man eine Art „Judgement of Paris“-Erlebnis, das jedoch in kürzester Zeit verfliegt. Zucker ersetzt Klasse eben nicht. Durchaus und mit Vergnügen trinkbar, uns aber zu banal.

Hans Wirsching, Iphofen, Franken:
1983 Iphöfer Burgweg Müller-Thurgau

Nach dem wir den bröseligen Korken herausoperiert haben, beeindruckt der Wein mit der Duftwelt von Bananen, feinem Zitrus und einer Marzipan-zuckrigen Note. Im Mund beginnt er etwas kraftlos, erholt sich jedoch bald und wird vollmundig, auch lauert die unverkennbare Sherrynote, die er mit seinen heute rund 35 Jahren allerdings haben darf. Steht auf der süßen, etwas öligen Seite mit minzig-kräuterigen Noten, auch der Holzausbau ist zu erahnen, und im überraschend langen Nachgang bäumt er sich schön auf. Typischer Vertreter der achtziger Jahre. Außer Konkurrenz.