LW über...

19 November 2022

Farbenleere

Als wir vor ungefähr zehn Jahren überlegten, wie wir unsere Weinkritiken systematisieren wollen, waren die Kategorien Duft und Geschmack gesetzt. Sonst noch was? Alle schreiben und reden von der Weinfarbe, wir nicht. Warum?

Wie wir hören, ermitteln ernsthafte Briefmarkensammler die Farben ihrer Lieblinge stets bei Sonnenlicht - nie bei Kunstlicht - und ziehen Vergleichsmaterial und seitenlange Farbskalen hinzu. Wie sonst den Unterschied von "mittel- bis lebhaftlilarot, lilarot, rosa bis dunkelkarmin, dunkelkarminrot (blutrot), mittel- bis lebhaftrotkarmin und eosinrosa" ein und derselben Marke erkennen und nicht den Verstand verlieren (Beispiel: 10 Pfg Freimarke Deutsches Reich 1875, zitiert aus Michel-Katalog Deutschland Spezial, München 2020).

In der Weinkritik verfügen wir nicht über Farbskalen (bestenfalls über bunte Aromaräder), entsprechend beliebig fallen Form und Inhalt jener Farbbeschreibungen aus. Wem nützen Beschreibungen wie folgende, der aktuellen Fachpresse entnommen:

„Spinell“: das ist ein Mineral, Verbindung von Magnesium und Aluminium, zumeist von roter Farbe, leider auch in Blau-, Grün- und Gelbtönen sowie Kristallweiß, Silber und allerlei Grau bis hin zu tiefem Schwarz vorkommend. Selten ein weniger geeignetes Beispiel gelesen. Aber wenn sowieso keiner recht weiß, was "Spinell" ist, mogelt man sich vielleicht doch durch.

„Seladon“: als „Akzent eines hellen Grauburgunders zum Rand des Glases hin“, als ob außerhalb der Chemiker- und Kunstsammler-Fraktionen irgendjemand wüsste, worum es hier geht. Ebenso sei dahingestellt, ob die blassgrünliche Eisenoxidreduktion auch nur annähernd geeignet ist, Wein zu beschreiben.

„Mittleres Gelb mit hellem Glanz“: oh Captain, my Captain. Über Wasserdampf poliertes Glas hilft dem Glanz des mittleren Gelbs vielleicht auf die Sprünge.

„Grüngelbe Reflexe“ eines Rieslings: was wird wovon reflektiert und mit welcher Farbtemperatur - eher grün oder doch eher gelb? Hat Glas keine Eigenfarbe? Alles zu kompliziert? Wozu dann das Theater.

Und so weiter und so fort. Zugegeben: relevant wird die Farbe bei Rot- oder Gelbtönen, die eventuell Schlüsse auf Ausbau und Reife zulassen - auf mehr auch nicht, schon gar nicht auf Qualität - und natürlich bei Fehlern und Verfall wie dem berüchtigten Blauwerden (des Weines, nicht des Konsumenten) oder dem "Pinking".

Das prätentiöse Farb-Brimborium der Weinkritik ist schönes Beispiel für die Phantasielosigkeit vieler Kritiker und deren Wichtigtuerei. Seriös gemacht und nicht wichtigtuerisch könnte es idealerweise den ästhetischen Lesegenuß erhöhen und beim Leser Vorfreude schaffen. Wir hoffen das mit unseren Beschreibungen jedoch besser zu tun. Im übrigen wies schon Goethe in seiner Abhandlung "Zur Farbenlehre" auf die Subjektivität jeder Farbwahrnehmung hin. Deswegen verzichten wir weiterhin auf Farbenleere (sic!).

19 August 2022

Verweilverbotszone

Freitagabends gegen 22 Uhr auf dem Nachhauseweg einen Schlenker über die diesjährige Ludwigsburger "Weinlaube" gemacht, angelockt von ohrenbetäubendem Lärm. Inzwischen fast dunkel, immer noch unangenehm warm, etwas schwül. Keine idealen Bedingungen für Alkoholmißbrauch. Wir bleiben stehen, ziehen uns vorsichtshalber ins Dunkel zurück - um den leeren Flaschen auszuweichen, die hin und wieder fliegen, und den Blicken aus blutunterlaufenen Augen irgendwelcher "Genießer" vor dem Kollaps. Im Gebüsch übergibt sich jemand.

Wo ist die "Verweilverbotszone", wenn man sie mal braucht.

24 Dezember 2021

Alkoholismus

Hochglanz-Weinmagazine umsegeln das Thema Alkoholismus weiträumig. Was hat es dort auch zu suchen, außer den Spaß an der Sache zu verderben. Es will einfach nicht zum landläufigen Genießer- und Gewinner-Klischee des kultivierten "Weinkenners" passen. Dem Alkoholkranken haftet das "loser"-Image an: zu schwach, Kontrollverlust, alles unappetitlich, und der Abstieg ins Obdachlosenmilieu steht kurz bevor. Uns scheint, Kokainmißbrauch ist in unserer Hochleistungsgesellschaft viel akzeptierter. Schnee wirkt ja auch ästhetischer als Erbrochenes. Also - bitte immer wegschauen:

Schon morgens ein Gläschen in kleinen Schlucken? Ganz langsam und diskret? Dann weiter so bis abends - gleich ob aus Langeweile oder des sozialen Drucks wegen („stell Dich nicht so an, Du Spielverderber..."). Zur Bewirtung, Beruhigung, Belohnung, Betäubung? Zunächst noch verschämt vor Familie oder Kollegen, dann im Laufe des Tages oder der Monate immer öfter und hastiger, bis es irgendwann auch egal ist, nachdem die Haut wie bei Rauchern alt und fahl wurde, das Gesicht den Ausdruck des Scheiterns angenommen hat und aus dem vielleicht ganz umgänglichen Zeitgenossen ein egozentrischer Psychopath geworden ist, ein "Schwarzfahrer im eigenen Körper" (V. Despentes)? Man mariniert sein Hirn eben nicht jahrelang in Alkohol, ohne dass irgendwann die Sicherungen schmelzen. Das hat nichts mit dem Geldbeutel zu tun. Ob Weinbrandfläschchen an der Supermarktkasse im Zwölferkarton oder beispielsweise 1975er Ch. Belair aus der Zwölferkiste: beides ist der Alpha- bis Epsilon-Karriere ungemein förderlich. Und im Gegensatz zu Kokain ist der Stoff jederzeit und legal verfügbar: man muß nicht alle paar Stunden seinem schmierigen Dealer simsen oder die Afrikaner im Görlitzer Park anbetteln. Und dann, wenn jeder Gedanke nur am nächsten Schluck hängt und jeder Rest an Konzentration darauf verschwendet wird, sich und die Welt anzulügen, bis schließlich weder der halbjährliche Entzug noch die treuesten Co-Alkoholiker helfen und das eigene Dasein zwischen Täuschung und vollkommener Nutzlosigkeit taumelt, kann man nur noch hoffen, daß einem ein paar wahre Freunde geblieben sind.

Wir propagieren den bewußten, verantwortungsvollen und (siehe oben) erwachsenen Genuß. Anders ist "Genuß" gar nicht zu definieren, und anders ist Wein, dieses Getränk, das sich wie kaum ein anderes dem bloßen Konsum entzieht, nicht denkbar. Genau so wollen wir unsere Seite und unsere Weinkritiken verstanden wissen.

06 April 2021

The ultimate guide to online-tasting

Erlebnisweinwelt zweipunktnull. Wir betreten neues Terrain, die Lage zwingt dazu. Im zweiten COVID-Jahr arrangieren sich Weingüter zunehmend mit der Situation und veranstalten Weinverkostungen via Internet. Die Mutigen laden zur Webkonferenz und versuchen, allen technischen und menschlichen Widrigkeiten zum Trotz, Konversation zustandezubringen ("Haben Sie Fragen?") und die Veranstaltung nicht zur Vorlesung werden zu lassen. Ihnen gilt unser Respekt. Andere werden zu "Youtubern", wenn die angepeilte Zielgruppe zu groß für eine Konferenzsoftware ist und die halbwegs geordnete Kommunikation nicht mehr möglich wäre. Sie müssen auf Basis einer mehr oder minder gelungenen Choreographie ein Programm abspulen, und wir Konsumenten lehnen uns zurück wie weiland unsere Großeltern bei Kulenkampff.

Hier einige ernstgemeinte Hinweise für des Winzers nächstes Online-Event - alles gar nicht schwer.

04 November 2020

Glassplitter

Die wichtigste Frage überhaupt, zumindest wenn man nur noch Luxusprobleme hat? Nicht ganz. Einige Jahre der Beschäftigung mit Wein hatte es gedauert, bis wir - frei nach William von Baskerville - lernten, daß ohne Form der Inhalt nicht sein kann. So wurden eines Tages auch wir mit Nase und Gaumen in das Thema gestoßen und wollen seither nicht mehr hinaus.

Zum Feature Auf der Jagd nach der perfekten Form

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22 August 2020

Lohnschreiber

Einmal mehr war Franz Keller der Vorreiter. Mit seiner "Edition Fritz Keller" wirbelte er ab 2007 die im achtziger Jahre Desaster klebengebliebene Discounterweinszene gehörig durcheinander, auch dreizehn Jahre später offensichtlich immer noch ein Erfolg für ihn und die Aldi-Gruppe. Jahre der aufmerksamen Beobachtung gingen ins Land, bis andere Handelsketten das Rezept kopierten. So bietet zum Beispiel Rewe - allerdings nicht häufig zu findende - Weine aus einer Kooperation mit der Bingener Großkellerei Reh-Kendermann an. Edeka rief vor Kurzem (trotz eigener Kellerei, ebenfalls in Bingen) die Weinserie "Junior" zusammen mit dem Kiedricher Rieslingspezialisten Robert Weil ins Leben. Und nochmals Aldi kooperiert seit 2018 mit dem Rüdesheimer Weingut Leitz.

Wir probieren solche Weine selten, auch wenn wir Fritz Kellers Initiative, dem Discounter-Publikum etwas Anspruchsvolles nahezubringen, ausdrücklich begrüßen. Ärgerlich wird das Ganze, wenn die Marketingmaschinerie anzulaufen beginnt - in Gestalt allgegenwärtiger Lohnschreiber mit oder ohne "MW", die mit ihrem ebenso blumig-blöden und nichtssagenden Verkostungsjargon im Auftrag der Handelshäuser und für klingende Münze Drittklassiges in Richtung Grand Cru uminterpretieren.

Neulich hatten wir das zweifelhafte Vergnügen eines "Junior Unique" Chardonnay (mehr dazu in unserer Hitliste Chardonnay). Die bezahlten "Fachleute" verbogen sich in ihren "Kritiken" bis es quietschte, um mit Phrasenkoprolithen (A. Schmidt) á la "eindrucksstark", "an den Petit Chablis" erinnernd, "ausgewogen", "säurehaltig" (siehe da), "moderner und freigiebiger Typ", der "großzügig Aromen verteilt", aus diesem Mittelmaß etwas Bedeutendes zu keltern. Goldmünzen gab es irgendwo auch. Wir vermuten, daß insgeheim Köpfe geschüttelt wurden.

Das Problem geht viel tiefer. Sollen Weingärtner sich und ihre Trauben ruhig an Großkellereien verkaufen. Das Weingut, das sich mit dem Discounter einläßt, seien es Cash & Carry oder das zu Hawesko gehörende "Jacques` Weindepot" und so fort, reitet auf einem schmalen Grat, ja es setzt seinen Ruf aufs Spiel. Kein Discounter leistet sich Rücksicht auf jenes fragile Kunstprodukt namens Wein, sondern er will Masse vertreiben und fordert Masse von seinen Lieferanten. Wie das mit Jahrgangsschwankungen, Biodynamik, Ertragsbeschränkung, Beerenselektion, teurer Kellerarbeit et cetera zusammengeht? Gar nicht, und die Qualität bleibt auf der Strecke. Wie aber kommen dann oben genannte überschwängliche Bewertungen zustande?

Money makes the world go round...

22 Juli 2019

Weinjournalismus

Nein, liebe „ntv“-Redaktion, Euren Artikel vom 27. April 2019 vergessen wir nicht. Es nützt im digital age ja nichts, Machwerke klammheimlich aus dem Netz zu nehmen und zu hoffen, niemand habe was gemerkt. Wäre das hier prinzipiell zu begrüßen, dient der Artikel wenigstens als Beispiel für die Misere des heutigen (Wein-)Journalismus.

Aus ungeklärter Ursache also gab sich Adriane Moll für ein Interview mit einer unterbezahlten und/oder untermotivierten Azubine her, die völlig unbelastet von vinologischer oder gar journalistischer Vorbildung war und der außerdem jeder Sinn für Satire abging. Heute will Adriane Moll nichts mehr von der Geschichte wissen, und recht hat sie! Einige Bonmots gefällig?

„Winzer geben tiefe Einblicke“, und unter dieser phantasievollen Zeile, die zum Standard jedes „Weinjournalisten“ gehören sollte, prangte auf der ntv-Website ein Foto der ja nun wirklich attraktiven Adriane Moll mit etwas ausgeschnittener Bluse. Wir haben jetzt die Wahl: verlogener Sexismus oder tumbe Gedankenlosigkeit von Autor und Layouter. Pest oder Cholera?

Mit der kategorischen Aussage: „Das macht einen guten Wein aus“ geht es dann brutal zur Sache: „Winzerin Adriane Moll erkennt schlechten Wein sofort“, und das beruhigt erst einmal.

Im Folgenden wird im Artikel andauernd über „guten“ und „schlechten“ Wein geraunt, aber anstatt das vollmundige Versprechen des Titels einzulösen, nämlich zu klären, was „guten“ Wein konkret ausmacht, bleibt man sicherheitshalber im Seichten und stellt Fragen statt Antworten zu geben:

"Kann man schon am Etikett die Qualität des Weins erkennen?"

Dochdoch. Wie wäre es, mit „Kabinett“, „Eiswein“, „Trockenbeerenauslese“ und so weiter, wenn man schon keinen tieferen Begriff von „Qualität“ hat?

Dann aber kommen Ratschläge fürs Leben: „Ein guter Wein kann so manchen Abend mit einem leckeren Essen verschönern“. Wie der Wein das mit dem leckeren Essen hinbekommt, ist uns genauso unklar, wie der Schreiberin der Unterschied zwischen Tätigkeits- und Leideform, wobei: manche helle Soßen, die echte Bolognese oder die burgundische Küche wären ohne einen kräftigen Schuß undenkbar - LW-Leser wissen: eine Flasche in den Topf, die zweite auf den Tisch. Ob unser Schreiberling dies oder irgendetwas anderes in diesem „Artikel“ überblickt, bezweifeln wir jedoch.

„Wie bei allen Dingen im Leben ist die Auswahl des Weins natürlich stark an den persönlichen Geschmack gebunden“. Natürlich, und diese Perle des Investigativjournalismus erinnert uns an den immergrünen Vers aus der „Süddeutschen“: „Wein ist nicht gleich Wein“. Ansonsten vermittelt dieser Satz mit seinem "Dingen" - ein schönes Wort, Adalbert Stifter benutzte es auch andauernd, wenn er nicht weiterwußte - dermaßen inhaltliche Leere, wäre er gedruckt, wir müßten mit Dennis Scheck fragen: „Oh grüner Baum, warum mußtest Du für dieses Buch sterben?“.

Weiter - wir sind heute erbarmungslos: „Für viele Menschen gestaltet sich die Auswahl des passenden Weins allerdings schwierig, da sie nicht wissen, worin sich gute Weine von schlechten unterscheiden.“ Nun, fürs erste könnte man den Wein einfach mal probieren. Ob Hugh Johnson, Robert Parker oder LW ihn irgendwann als „gut“ oder „schlecht“ einordneten, ist zweitrangig, wenn er einfach nur schmeckt. Kriterien für ein „gut“ oder „schlecht“ kann man dann immer noch irgendwo nachlesen - besser nicht bei der ntv-Redaktion - oder ganz einfach für sich selbst festlegen.

Ein Letztes. „Weinexperten können weniger gute Tropfen schon am Geruch oder am Aussehen…“, nein, wir brechen hier ab und lassen die ntv-Azubine woanders weiterüben (wie wäre es mit einem Artikel über den Klimawandel).

Abschließend unser Gruß an ntv, immer gerne mit Arno Schmidt: „Möge Ihre Wasserspülung stets funktionieren“.