LW über...

05 Oktober 2017

Welcher Wein zu welchem Essen?

Ob aus Abenteuerlust, Selbstüberschätzung oder Ahnungslosigkeit - in unserer tabulosen Zeit kann man jeden Wein zu jeder Speise wählen, auch wenn man sich höchstwahrscheinlich um den Genuß und die Küche um den Respekt vor ihrer Kunst bringt. Wer das alles nicht möchte, braucht guten Rat.

Die Mercure-Kette hat das Problem erkannt und bietet auf deren website Hilfe - per mobile phone auch ganz diskret unter dem Tisch zu erreichen. Grafisch gelungen, einfach verständlich, sogar narrensicher, aber deswegen nicht anspruchslos, und vielfältig genug, um auch zwei oder drei Abendessen abwechslungsreich gestalten zu können. Wir geben die Infografik mit freundlicher Genehmigung von Mercure hier wieder.

14 September 2017

Weihnachtliches Zuckerwasser

Versetzen Sie sich einige Jahre zurück - wieviele, bleibt Ihnen überlassen - und stellen Sie sich vor: es ist Weihnachten! Nervöse Begeisterung den ganzen Tag, irgendwann endlich Bescherung! Statt Barbie, Lego oder Märklin jedoch ein Pullover. Aus.

Ähnlich unser Erlebnis am 1. Oktober 2016 im Kaiserstuhl. Wir besuchen einen Winzer, der seit Jahren für uns sichere Bank war, dessen Weine umstandslos in den Kofferraum wanderten und das Genußerlebnis direkt in unsere Berichte. Warum sollte das im allseits propagierten 2015er Jahrgang anders sein. Dem Gott des Weines sei Dank probieren wir diesmal vorher. Auf den Punkt gebracht: weißes Zuckerwasser. Nach dreißig Minuten im Glas: warmes weißes Zuckerwasser. Bei den Roten ist das Zuckerwasser rot. Ein badisches Bierchen muß den Abend retten.

Was den Jahrgang 2015 angeht, hat sich der Blätterwald inzwischen beruhigt. Erstens weiß inzwischen fast jeder Weintrinker, daß 2015 für manche Sorten ein Segen und für andere ein Desaster war. Viele Winzer starrten hypnotisiert auf die Öchslegrade ihrer Zuckerbomben, gepusht von einer Journaille, die auf den Spuren des Weingesetzes Mostgewicht mit Qualität verwechselt und von den Lohnschreibern der Genossenschaften, wo jeder von jedem abschreibt und alle miteinander von „Wikipedia“. Zweitens ist der Folgejahrgang propagandistisch vorzubereiten, und schon wieder lesen wir von der sagenhaften 2016er Qualität bei ach! viel zu kleiner Menge. Ob es beim 2017er Jahrgang, durch Spätfrost erfroren, vom Hagel erschlagen, im Regen ertrunken, anders sein wird?

15 Dezember 2016

Handlese

Beilage zur Weihnachtspost von Sankt Annagarten: Marcel Wiedenmanns Hommage an sein Leseteam, so schön und treffend selten gelesen. Wir zitieren:

"Mit der Leseschere umzugehen erfordert besonderes Geschick. Klinge und Gegenklinge sind scharf, kurz und spitz. Das Werkzeug für die Lese ist per Definition etwas, um auszulesen, zu sortieren und schließlich im Leseeimer einzusammeln. Derjenige, der sie bedient, ist hierbei mit allen Sinnen gefordert. Das Auge ruht auf der Frucht, im Gedächtnis das Bild der optimalen Beschaffenheit. Auf die Entscheidung: „Was nimmt man, nimmt man nur teilweise, alles oder nichts" erfolgen binnen Sekunden die richtigen Schnitte. Mittlerweile ist die Handlese für Viele Luxus und nur noch den Spitzenprodukten vorbehalten.

Alltäglich ist die maschinelle Ernte, kostengünstig und schnell. Für das optimale Ergebnis ist die händische Lese im Annagarten ein „alltäglicher Luxus“. Abhängig vom späteren Weintyp und dem dazu passenden Reifezustand kann es bis zu drei Lesedurchgänge in unseren Weinbergen geben. Handgelesen steht deshalb drauf und ist auch drin. Mannschaftsgeist, Pflichtbewusstsein und schlussendlich die Freude am mit den besten Trauben gefüllten Leseeimer sind die Dinge, die unsere „Leser“ ausmachen - Danke für diese Qualitätssicherung!"

Zitat Ende.

25 März 2016

Die farce namens Spargelwein

Die Theaterfachsprache definiert farce als eine absurde Komödie, und wer fühlte sich beim Frühlingsspaziergang durch die Weinregale nicht daran erinnert. Denn es ist Spargelzeit: Höhepunkt der Vermarktung sogenannter Spargelweine, jenen sauren, blassen Wässern, die den Warenregalumschlag verderben, weil sie zu keiner Tafel passen wollen, und darum bei erster Gelegenheit abgeschlagen werden müssen.

Die farce wird jedes Frühjahr von neuem gespielt: ein Publikumserfolg. Denn was soll man schon von Menschen erwarten, die ihren Spargel in fadem Wasser totkochen - Mutti hat es ja immer so gemacht - und auch nicht wissen, wie man eine Hollandaise selbst zubereitet. Etwa, daß sie bei der Wahl des Weines plötzlich exquisiten Geschmack entwickeln?

Ursula Heinzelmann überschreibt ihren Beitrag für Fine Wine 1/2016: „Finger weg vom Spargelwein“. Dem ist zuzustimmen. Auch wir bleiben 2016 bei unserem statement von 2010: man greife zu ausdrucksstarkem fränkischem Silvaner; und bei Störrlein, Schmitts Kinder oder König wird man nicht danebengreifen. Sehr interessant die newcomer von „Wein von 3“, die mit ihrem unangepaßten Stil wie die wilde Jagd über die fränkische Seligkeit hereinbrechen. Wir ziehen diese echten, manchmal erdigen und immer hochklassigen Silvaner den etwas sanfteren Kaiserstühlern vor, sofern man jene überhaupt findet (bei Dr. Heger, Andreas Stigler, vor allem aber Kurt Sacherer suchen). Geht es um fettreiche Saucen als Spargelbegleitung, ist der Kaiserstuhl eher Adresse für klare, im Edelstahl ausgebaute Chardonnay, Traminer oder Weißburgunder. Unser Favorit ist und bleibt aber der Muskatsilvaner, neudeutsch Sauvignon blanc, von Winzern aus Bottwartal und Remstal: die einzige Traube, die das Spargelaroma noch betont.

12 Januar 2016

Rassismus und das Politische im Privaten

Privatangelegenheiten sind politisch! dekretierte die bekennende Kommunistin Ulrike Meinhof und nahm die bundesrepublikanische Gesellschaft in ideologische Geiselhaft.

Scheinbar muß jede Generation nicht nur ihre eigenen Fehler machen, sondern auch diejenigen ihrer Vorgänger wiederholen. Ein in Szenekreisen bekannter Winzer ruft jedenfalls kürzlich zum Kampf für Flüchtlinge auf und gründet das „Twitter“-Forum „WeingegenRassismus“; als Logo die Rotfrontkämpfer-Faust, eine Weinflasche schwenkend, aber vielleicht ist es auch ein Molli, wie er weiland gegen Springers Hetzpresse flog (heute heißt es Lügenpresse). So ganz klar ist die Stoßrichtung der Bewegung zwar nicht, aber in einer Zeit, wo der Begriff „Rassismus“ zur Banalität verkam, ist das auch egal.

Hören wir in dieses Forum hinein… Dort entblödet man sich nicht, den Konsum israelischer Weine zu propagieren, denn: es geht ja contra Rassismus und damit wohl irgendwie pro Israel? Zwar mögen Palästinenser das ganz anders sehen, aber Muslime trinken ohnehin keinen Wein. Jaja. In dem Moment, wo Dialektik sich im Kreis zu drehen beginnt, fliegt die Argumentation aus der Spur. Und plötzlich ist WeingegenRassismus ein Sammelplatz für Menschen, die immer und überall Rassismus wittern, weil sie sich über ihn definieren.

Wir von der LW empfinden Grauen ob der Tatsache, daß in der Geisteswelt mancher Menschen mit jeder geöffneten Flasche offenbar ein politisches Statement abgegeben wird. Genuß ist nicht länger Rückzugsgebiet, das Private wird politisch. So triumphiert die Meinhof am Ende doch noch? Oder überschätzen wir? Ist das Ganze durchsichtige Masche der Initiatoren, sich an einen Zeitgeist zu hängen? Bekanntlich machen die Gesetze des Kapitalismus auch vor aufrechten Linken nicht halt.

Was die Flüchtlingsdebatte selbst angeht, kennen wir durchaus den ein oder anderen Winzer, der Flüchtlinge aufnahm, dafür kein "Twitter"-Forum gründen mußte und auch sonst kein Aufhebens darum machte. Vor allem ließ man seine Kunden mit dem Thema in Ruhe, und für solch eine Haltung sind wir dankbar. Ansonsten gilt: von allen, die im Weinberg so rumschwirren - Deutsche, Polen, Ghanaer, Kirschessigfliegen - interessieren uns nur letztere.

24 September 2015

Unsere Erlebnisberichte

Wir haben uns entschlossen, mit der neuen Version unserer Website die berüchtigten „Erlebnisberichte“ auf einer eigenen Seite zusammenzufassen. Worüber es in diesen Berichten geht? Darüber, was nicht passieren sollte.

Wenn uns Weine ihrer Eigenart wegen nicht schmecken oder wir sie nicht verstehen, das Weingut ein Formtief durchläuft, das Verkaufspersonal einen schlechten Tag hat, wie auch immer, müssen wir nicht darüber schreiben. Wir ziehen über niemanden her und amüsieren Sie und uns nicht auf Kosten Dritter. Und ob uns Winzerin und Winzer sympathisch sind oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Wenn sich jedoch drittklassige Produkte, arrogantes Gehabe, Unfähigkeit und/oder Unverfrorenheit zueinander gesellen, ist es uns Pflicht und Vergnügen, zu berichten. Zwar wollen wir einen solchen Bericht ausdrücklich als Warnung verstanden wissen, empfehlen Ihnen aber, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Schreiben Sie uns bitte von Ihren Erfahrungen.

21 August 2015

Samtrot - der Schrecken des Weinkenners

In irgendeinem blog lasen wir kürzlich: „Da wendet sich der Weinkenner mit Schrecken ab“. Ging es um Trollinger? Mag sein, oder um Kerner, Lemberger; es ist gleich, denn Württemberger Wein ist manchem Wein"kenner" stets einen Lacher wert. In dem Fall jedoch ließ man sich über Samtrot aus.

Es muß zu Beginn der 1920er Jahre gewesen sein, als der Heilbronner Winzer Hermann Schneider - ja, der uns die Institution der "Württemberger Weinkönigin“ bescherte - inmitten seiner Schwarzrieslingstöcke eine unbehaarte Mutation entdeckt. Das oft kolportierte Jahr 1928 ist mit Sicherheit falsch, denn 1929 übernimmt die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg die Kultivierung der Sorte. In der Zwischenzeit muß Schneider Überzeugungsarbeit leisten und sich gegen die Forderung der Weinbürokratie wehren, die unerwünschte Mutation zu vernichten. Ab 1958 taucht Samtrot im Bundessortenregister auf, aber sonst tut sich nichts: Mitte der sechziger Jahre ist Samtrot fast ausgestorben, bis der Winzer Hermann Able - ja, der „Weindichter" - versprengte Stöcke im Heilbronner Raum buchstäblich zusammensucht und mit schließlich 13 Exemplaren die Sorte neu belebt.

Die Weinwelt der sechziger Jahre kann mit Samtrot nichts anfangen, darin gleicht sie der Gegenwart; Scientia Vitis et Vini 1, 1969 führt Samtrot sogar als "Neuzüchtung". Es sind um 1970 marktwirtschaftliche Erwägungen, die den Württembergischen Weinbauverband dazu bringen, Samtrot dem Kerner und Trollinger zur Seite zu stellen: auch wenn alles gleich süß schmeckt, es trägt ein anderes Etikett. Heutzutage ist Samtrot wieder Exot, und auch den Trend zu autochthonen Rebsorten hat die kaum beachtete Sorte verschlafen. Der Wein"kenner" dieses blogs allerdings hätte wissen müssen, daß er sich kaum etwas Echteres einschenken kann als Samtrot und zwar von einem der Winzer im Heilbronner Raum, die es verstehen, alles aus der Traube herauszuholen.

05 Mai 2015

Plädoyer für den Korken - Teil 2

…was heißt Plädoyer - welcher Weintrinker gäbe die Vorteile des Schraubverschlusses nur der mangelnden Ästhetik wegen preis. Trotzdem halten wir die Rinde der Korkeiche mit ihrer Luftdurchlässigkeit und der subtilen Geschmacksbeeinflussung hochklassigen Weins für den idealen Flaschenverschluß. Vorausgesetzt, die Korkproduzenten verhunzen die Sache nicht.

Das fängt mit der Häufigkeit der Ernte an. Nach 30 bis 40 Jahren des Wachstums beginnt eine Korkeiche qualitativ hochwertigen Kork zu liefern, Teile der Rinde können also abgeschält und verarbeitet werden. Danach benötigt die Korkeiche mindestens zwölf bis fünfzehn Jahre Erholung bis zur nächsten Ernte. Die erhöhte Nachfrage nach Korken infolge der Erschließung neuer Absatzmärkte verleitete mancherorts zu häufigeren Ernten mit der Konsequenz einer geringeren inneren Dichte des Materials: weicher, offenporiger, luftdurchlässiger, den Wein weniger gegen Oxidation schützend, kurzum: schlechter und möglicherweise einer der Hauptgründe für den Weinfehler Premox. Der Klimawandel, der unsere Breitengrade feuchter, aber korkproduzierende Länder wärmer macht, führt ebenfalls dazu, daß die Eichen dünnere Rinde entwickeln.

Das bekanntere Problem ist der "Korkschmecker", also der Gehalt an unüberriechbarem Trichloranisol im Wein. Auch er entsteht nicht aus dem Kork selbst, wie man immer wieder liest („fehlerhafter" Kork), es ist die fehlerhafte Behandlung des Rohstoffes durch den Produzenten. Kork muß vor der Verarbeitung desinfiziert werden (muß er das? Manche Winzer verneinen diese ewige Wahrheit und fahren gut damit). Die Korkplatten wurden also mit chlorphenolhaltigen Mitteln gewaschen, und bei hoher Umgebungsfeuchte wandelten Schimmelpilze Chlorphenol zu Trichloranisol um. Zwar ist die Verwendung von Chlorphenolen in der EU inzwischen verboten, aber warum stirbt der Korkton dann nicht gefälligst aus? Weil Chlorphenole seit Jahrzehnten zur Reinigung und Desinfektion von allem Möglichen verwendet wurden und sich in Natur und Weinkellern anreicherten. Da Trichloranisol und seine chemischen Verwandten hochinfektiös sind, bedarf es gar nicht mehr des befallenen Korkens. Beispielsweise das imprägnierte Holz, auf dem vielleicht Schraubverschlüsse transportiert werden - ob mit oder ohne Plastikverpackung -, kann infiziert sein und diese Schraubverschlüsse verseuchen. Damit haben wir noch beliebig viele Jahrgänge trichloranisolduftenden Weines vor uns.

11 März 2015

Objektive Punktesysteme

Wer erinnert sich nicht an die Szene im „Der Club der toten Dichter“: Robin Williams als Lehrer Keating fordert seine Schüler auf, eine Seite aus ihrem Englischbuch herauszureissen - jene Seite, auf der ein Literaturprofessor die Qualität von Poesie als Koordinate irgendwo zwischen "importance" und "perfection" definiert. Verstanden wir Kinobesucher nicht sofort, was Keating meinte, lächelten wissend und wünschten uns auch solche Lehrer? Statt solcher Lehrer bekamen wir die Professoren. Jedenfalls in der Weinszene und zwar in Gestalt von Robert Parker und seinen zahllosen Nachäffern (der underground wine letter nennt sie die "big number boys"), die das amerikanische 100-Punktesystem, worin 50 Punkte eigentlich Null sind, salonfähig machten. Endlich schien die Flut sensorischer Eindrücke, die Wein schenkt, objektiv messbar und damit auch den völlig Ahnungslosen vermittelbar. Heute sind Parkers Fehlurteile legendär, vor allem im Kreis der Weininvestoren. Gerhard Eichelmanns hilflose Bemerkung, die Punkte aus einer Verkostung, sagen wir toskanischer Weine, seien nicht mit denen z. B. israelischer Weine vergleichbar: 87 Punkte ungleich 87 Punkte, könnte man noch nachvollziehen. Punkte als Maßstab nur innerhalb des Landes, der Region, des Weinguts? Mit seinem Kommentar über eine Verkostung, es mag Ch. Latour gewesen sein „…die 100 Punkte dieses Jahr sind mehr wert als die 100 Punkte vom letzten…“ führte Parker sein Konzept endgültig ad absurdum. Und aus war es mit der Objektivität.

Punktesysteme sind Ausdruck eines Scheiterns: auf der Kritikerseite sind sie Zeichen von Sprachlosigkeit und oft Ausdruck einer tiefen Müdigkeit. Und der Kunde schielt auf Punkte, weil er seinem eigenen Geschmack nicht über den Weg traut und trinkt, was Kritiker und Händler ihm sagen (drink with your ears) oder was Punktezahlen auf den Etiketten ihm sagen (drink with your eyes). Auch die Frage, weshalb zum Beispiel Bier nicht punktebewertet wird, hat noch niemand beantwortet. Es hilft nichts: einzige Möglichkeit ist nach wie vor die - möglichst - objektive Beschreibung in Worten. Objektiv kann hier nur heißen: frei von Einflüsterungen des Winzers und seiner peer groups, frei von Poesie und ganz in grauer Prosa. Sobald der Wein im Mund ist, vergeht sowieso alles in purer Subjektivität. Natürlich bewegen wir uns damit im Ungefähren, aber wir halten das für aufrichtiger als unsere Leser mit pseudomathematischer Exaktheit eines Punktesystems zu täuschen.