Das Weingut Sacherer ist eine nostalgische Angelegenheit. Website, online-shop, social media? Nichts dergleichen. Wer Kontakt aufnehmen will, greife zu den "Gelben Seiten", denn in dieses Dorf am Ende der Sackgasse wird man auch nie zufällig fahren. Andererseits: guter Kundenservice, unkomplizierte Weinproben, sorten- und jahrgangsspezifische Probierpakete, auch zum Selbstzusammenstellen, umfangreiche Informationen, und die Weine lassen sich im angeschlossenen Gasthof "Sonne" an der sehr guten Regionalküche messen. Da verzichten wir gerne auf inhaltsleere Facebook-Seiten und versetzen uns ins Jahr 1959. Seit der Zeit wurden rund 10 ha mit dem Kaiserstühler Standard, außerdem mit Silvaner, Chardonnay und Regent bestockt, wobei der Schwerpunkt auf fruchtigen, nicht zu süßen Weißen liegt. Die können entweder ganz unbeschwert genossen werden oder mit Muße und Zeit. Dann wird man in eine Geschmackswelt entführt, die ausgerechnet in Amoltern so nicht zu erwarten war.

Weissweine

Was Silvaner angeht, bestimmt immer noch Franken die Marschrichtung und sonst niemand, dabei war Baden und hier der Kaiserstuhl jahrzehntelang Deutschlands Hauptanbaugebiet. Wenn zum Beispiel unter den rund 50 Positionen auf Dr. Hegers Liste ganze zwei Silvaner auftauchen, zeigt das den heutigen Stellenwert der Sorte (auch wenn das Pendel 2015 wieder in die andere Richtung zu schwingen scheint: Genossenschaften folgen Trends mit feinem Gespür, jenen Trends, die von Winzern gesetzt werden). Unter den wenigen Unermüdlichen steht Sacherer mit drei Silvanern im Programm ganz vorne. Der 2013 Amolterer Steinhalde Silvaner trocken präsentiert sich sortentypisch zickig: entfaltet sich nur langsam, duftet leicht mineralisch und nach süßherben Kräutern. Im Mund kantig, kräftig, robust, aromatisch zunächst mit feinem Apfel und Melone, leichte Bitternote, und die seidenfeine Säure macht ihn saftig. Kein schmeichelnder Wein, aber ein spannender: wer die Muße hat, hineinzuhören, wird Orange, Grapefruit, reife Zitrone entdecken. Ein robuster Gemüsebegleiter. 2012 Steinhalde Riesling Kabinett trocken: sein Duft so sommerlich süß wie ein Kaiserstühler Weissburgunder, aber dann endet es. Denn im Mund wird der Riesling plötzlich rauh und geht gerade noch als gelbfruchtig durch. Zwar saftig und animierend, aber säurestark und bitter-mineralisch. Langer apfelfruchtiger Nachgang. Ein strenger Wein, der zu Gegrilltem paßt und selbst einem süßen Obstsalat widersteht, dann zeigt er seine angenehm fruchtige Seite. Nicht allzu tief oder komplex: der Kaiserstuhl ist ja nicht unbedingt die Gegend für Riesling.

Zur Burgunderfraktion: Der 2012 Steinhalde Weißburgunder Kabinett ist ein fast überwältigender Vertreter: im Duft fett und warm, Teig, süße Kräuter, ein Hauch Orange. Im Mund entfaltet er sich stark, erst apfelsüß, wird dann salzig, Bienenwachs kommt dazu, und er läßt sich Zeit mit dem Abschied. Sehr saftig: animiert andauernd zum nächsten Schluck, und das bewirkt nicht nur die feine Säure. Kein unbedingt lieblicher Weißburgunder: er balanciert gekonnt zwischen Herbheit und Süße und gehört definitiv nicht zur Dessertfraktion. Die Oberrotweiler Eichberg Weißburgunder Spätlese vom selben Jahrgang wirkt im Vergleich erheblich sanfter, feiner (oder glatter, wenn man laute Musik bevorzugt), aber auch facettenreicher. Sie ist ebenfalls mit dem Restzucker zurückhaltend, kann aber in Begleitung kräftiger Speisen ein richtig süß schmeichelndes Tröpfchen werden. All diese hervorragenden Weine müssen sich aber vor unserem Jahrgangsfavoriten verbeugen: 2012 Chardonnay Spätlese trocken aus Sacherers bester, südwestlich ausgerichteter Lage Eichberg, bananen- und birnenduftig, im Mund saftig, voll, nicht zu schwer, feine Säure, frisch wirkend. Aromatisch etwas Kräuter, gewaltig Birne und wieder Banane. Im Nachgang lang, intensiv, birnenfruchtig. Ein Meisterstück.

Rotweine

Der 2013 Steinhalde Spätburgunder trocken versucht, irgendwie alles zu liefern. Dunkle Früchte und Wintergewürze fehlen der Aromatik ebenso wenig wie die Holzcharakteristik. Süß, sanft, buttrig gleitet er über die Zunge und wirkt in dieser Fülle überladen. Um sein Gewicht etwas zu reduzieren, sollte er unbedingt gekühlt serviert werden. Oder wir wenden uns gleich der 2012 Spätburgunder Spätlese trocken aus derselben Lage zu. Die ist im Duft mindestens ebenso reich, wirkt aber viel leichter, transparenter und hochklassiger: die Vanillenoten aus dem Holzausbau sind von den süßen dunklen Früchten glasklar unterscheidbar. Ebenso beim ersten Schluck: eine selbstbewußte Bitternote gesellt sich zu Waldfrüchten und Zwetschgen, und hier macht sich der Holzausbau mit etwas Vanille und Lakritz nur sehr zurückhaltend bemerkbar: angenehm für jene, die Nase und Mund voll haben von den üblichen Nuß-, Zimt- und Schokoladenbomben. Voll, saftig, nie glatt oder beliebig und schon gar nicht sanft sucht er sich seinen Weg durch den Gaumen, und auch er animiert mit seiner filigranen Säure dauernd zum Nachschenken. Er ist ja so herrlich leicht... Daß es eigentlich ein verdammt schwerer Wein ist, wird gar nicht unmittelbar bewußt, aber der immer mächtiger werdende Abgang und ein langer Nachhall erinnern an die satten 13 Vol-%. Und das liefert uns dann auch die Erkenntnis, daß Sacherer keine Einsteiger-Adresse ist.

Das Image der Drittklassigkeit wurden deutsche und gerade badische Blanc de noirs nie so ganz los. Um einen hellen Wein aus dunklen Beeren zu gewinnen, muß man den Saft möglichst schnell nach der Pressung von den Schalen trennen. Das ist natürlich ideal, wenn das Traubengut von so schlechter Qualität ist (z. B. Fäulnis), daß eine längere Standzeit nicht zu vertreten wäre. Um es vorwegzunehmen: die 2012 Blanc de noir Spätburgunder Spätlese macht uns nicht den Eindruck solcher Müllverwertung. Sie ist auf der Zunge ungewöhnlich cremig, wirkt aber dank präsenter, gut eingebundener Säure quicklebendig. Schön langer und trockener Nachgang für solch einen Terrassenwein. Aromatisch ist sie von Erdbeere bestimmt, aber Mandarine mit ihrer subtilen Bitternote, es mag auch Orangenzeste sein, blitzt durch. Sie ist süß, hat aber beim Dessert nichts verloren: als Alleinunterhalter macht sie sich am besten.

Letztlich beweist das Weingut Sacherer, daß es sich lohnen kann, abseits eingefahrener Wege auf Entdeckungstour zu gehen, und "abseits" passt für Amoltern ja wie die Faust aufs Auge.