Eine der Besonderheiten dieses Weingutes ist, daß es zwei Weingüter sind. Etwa 2 ha bewirtschaftet Ilse Häge nach ökologischen Grundsätzen und unter eigener Linie, Johannes Häge zeichnet für die anderen rund 4 ha verantwortlich, davon ein Hektar uralte Terrassenlagen oberhalb der Enz. Erstaunlich, was die Häges da unterbringen: die Württemberger Palette, außerdem Riesling, weiße und rote Burgunder, zwei französische Standards, ein paar Neuzüchtungen für immerhin 26 Positionen ohne Brände und Sekte in vier an die VDP-Klassifikation angelehnte Produktlinien. Ein Vergleich der herkömmlichen mit den ökologisch produzierten Weinen drängt sich auf, macht aber unterschiedlicher Lagen wegen keinen Sinn. Auf einen Nenner gebracht sind Häge-Weine von herbem, trockenem Charakter. Sie dürften jenen Genießern zusagen, die hohe Restzuckergehalte ablehnen. Wir kennzeichnen die Weine von Ilse Häge im Folgenden mit (I), die von Johannes Häge mit (J).

Weißweine und ein variabler blanc de noir

Innerhalb der süßen Fraktion setzt Ilse Häge mit ihrer 2011 Gewürztraminer Auslese den Maßstab: kühler, zitroniger Duft, im Mund saftig, beinahe ölig mit einem Potpourri von Zitrusfrüchten, sortentypischen Noten und faszinierender Balance von bitteren und süßen Akzenten. Langer, glatter Nachgang. Ein frischer, transparenter, dennoch vollmundiger und wuchtiger Wein; nichts für die Terrasse, kein Aperitif. Wie bei solchen Weinen üblich, ist konstante Temperierung wichtig. Mit dieser Ausnahme ist eine Probe der Häge-Weine immer dasselbe Spiel, auch beim 2013 Pinot noir trocken blanc de noirs (J): im Duft so süßfruchtig wie lieblicher Weißburgunder, der erste Schluck jedoch sehr herb, beinahe eine Zurückweisung - streng und nur hintergründig gelbfruchtig, der Körper gerade noch leicht. Langer Nachgang für solch einen Terrassenwein. Insgesamt kein Tropfen, der besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber in seiner Frische und mit der gut eingebundenen saftigen Säure perfekt für heißes Wetter geeignet ist. Der Wein ermüdet dank moderatem Alkoholgehalt und wenig Restzucker nicht, und er bleibt bei hohen Temperaturen relativ stabil. Die zurückhaltende Aromatik läßt außerdem Raum für mehr: ein Blatt Minze oder Melisse, vielleicht eine Erdbeere hineingeben, oder warum ihn nicht als Grundlage für eine Bowle nehmen. Daß Bowlezutaten von erstklassiger Qualität sein müssen, spricht sich ja langsam herum.

Cuvees, kauzige Rotweine und ein Samtrot

In unserem ersten Häge-Kommentar 2011 schrieben wir: "Was der Weinberg hergibt, enthält die 2009 Rotwein Cuvee trocken (J): Cabernet Sauvignon, Lemberger, Spätburgunder und Regent. Den Duft dominiert der Cabernet mit grüner Paprika, im Mund gleichen die anderen Sorten den herben Cabernet-Charakter aus und verleihen zurückhaltende Süße. Intensiver Vanille-Nachgang, körperreich, aber frisch wirkend. Er kommt durchaus an Eberhard Kleins Epona-Cuvee heran". Und Johannes Häges Ambitionen enden hier nicht, sonst trügen die neuen Cuvees nicht Namen von Fixsternriesen wie dem 2013 Arcturus (J) aus Cabernet Mitos, Pinot noir und Dornfelder. Der Mitos mit seinen sortentypischen Nachteilen spielt die prägende Rolle. Der Wein ist tiefdunkel, pfeffrig-erdig, dicht, aber nicht allzu schwer; geschmacklich wirkt er etwas matt und unspezifisch. Er hat seine lebendige Säure dringend nötig, die übrigens besser eingebunden ist als bei den meisten anderen dieser Mode-Cuvees. Im reichen Duft fetter Speck, im Mund nicht besonders trocken, erst im Nachgang. Der Pinot Noir sorgt für Weichheit, der Dornfelder macht den dunklen Wein noch dunkler und bringt etwas Frucht ins Spiel, beide sind jedoch zu schwach vertreten, um der Aromatik auf die Sprünge zu helfen. Bei dem 2012 Aldebaran (J) aus Cabernet Sauvignon und Merlot ist das Sortenverhältnis besser. Er ist cassis- und pflaumenfruchtig, aber nichts weniger als süß, und bezieht seinen Charakter aus dem vollen, schweren Körper. Auf der Zunge samtig und glatter als der Arcturus, gerade noch spürbare Säure, langer Nachgang.

Häges Lemberger waren schon immer Paradebeispiele für kauzige Württemberger, die nicht jedem gefallen wollen. Da war der 2010 Lemberger trocken (J): in Duft und Geschmack grünwürzig mit herben mineralischen Noten. Direkt, kräftig, klar, aber zugänglicher als der weiche, leicht wirkende, kirschfruchtige 2010 Lemberger trocken (I) - dieser war hintergründiger, komplexer und schwieriger zu verstehen. Und diese Machart setzt Ilse Häge mit dem 2013 Lemberger trocken holzfassgereift (I) konsequent fort. Keine Zechweine, sondern welche zum Hineinhorchen. Vielleicht sind das die wirklich modernen Weine: handwerklich perfekt, regionentypisch, den Genießer fordernd und nicht auf den Massenmarkt schielend.

Wir stehen fassunglos vor dieser Situation: mit dem Samtrot hat der mittlere Neckarraum eine Sorte, die es im Gegensatz zu Lemberger und Trollinger nur dort gibt, und was tut man? Merlot und profillose Neuzüchtungen anbauen und in Blogs autochthone sizilianische Rebsorten bewundern. Für uns ist es jedenfalls immer eine angenehme Überraschung, einen Samtrot zu entdecken, zumal wenn er von so eigenwilligem Charakter ist wie der 2013 Samtrot trocken (I). Der ist Antipode zu Michael Schiefers süffiger Interpretation: im Duft voll und fruchtig, im Mund sehr viel schlanker, zurückhaltende Kirschfrucht, die mit zunehmendem Luftkontakt immer brillanter wird, Noten aus dem Holzausbau, auf der Zunge sanft, aber mit frecher Säure.