Die Parallelen sind unübersehbar: betongewordenes Statement in der Landschaft, ikonenhafte Weinpräsentation, glasklare Produktphilosophie, moderne Print- und Webmedien, und sogar die Preislisten ähneln sich. Es scheint, als hätten Abril und Weber denselben Berater eingekauft. 2012 stellten wir fest, dort enden die Parallelen, und genau dort enden sie auch 2018, nun allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen.

Die Rahmendaten: 1947 gegründet, rund 20 ha mit Burgunder, Müller-Thurgau, einigen Neuzüchtungen bepflanzt, und Weber gewinnt daraus 26 Positionen für seine sogenannte "Weinkollektion" (ohne Perlwein, Brände und Gin). Die ist genau wie bei Abril in drei Linien gegliedert: "1 Liter - leicht, frisch und unkompliziert", "Selektion SE" für "ziemlich jede Gelegenheit" (also irgendwie auch unkompliziert) und "Premium" für "besondere Momente". Michael Weber machte mit seinen schweren, ungemein alkoholstarken Premium-Weinen in der Vergangenheit wirklich keinerlei Kompromisse, was im Widerspruch zum Geschmack seiner jungen Zielgruppe stehen mochte. Aktuelle Jahrgänge baut er etwas schlanker aus und kratzt wenigstens nicht dauernd an der biologisch möglichen Obergrenze.

Unkomplizierte und sehr komplizierte Weissweine

Die Weine aus der Linie "1 Liter" in, ja genau: Einliterflaschen seien laut Preisliste "klassische Zechweine", was nach Weinlaubenstoff klingt, aber zumindest seinem 2013 Müller-Thurgau trocken tut Weber damit unrecht. Mancher Winzer wäre froh, wenn seine edlen Rieslinge oder Burgunder so schmeckten wie Webers "Zechwein": voll, cremig, saftig, gelbfruchtig süß und leise kräuterbitter. Ein Zuckertröpfchen, das zunächst harmlos wirkt, es aber nicht ist. Feine Säure zum Lutschen, unschlagbares Preis-/Leistungsverhältnis: die Wahl für Momente, in denen man einfach nur Wein trinken möchte ohne das ganze Jahrgangs-, Aromen-, Stilistikgeschwätz, aber bei aller Bequemlichkeit nicht auf Klasse verzichten will. Der 2017er setzt die Klasse nahtlos fort und würde in unserer Hitliste durchaus weiter oben auftauchen, er wirkt schlanker und geschmacklich transparenter als der 2013er. Auch der kühle 2013 Riesling trocken "Selektion" verdient mit seiner Steinobstaromatik und dem zarten Schmelz unsere heiße Empfehlung: ein für die Gegend seltenes Beispiel gelungenen Rieslings. Der 2012 Weisser Burgunder trocken "Selektion" ist für seine Sorte archetypisch - fruchtiger, fast marzipansüßer Duft, warmer Butterteig, selbstbewußte, gut eingebundene Säure, im Abgang erst bitter, dann salzig. Tatsächlich unkompliziert zu trinken, aber nicht ohne Anspruch. Der 2017 Weisser Burgunder trocken "Premium" macht es uns im Gegensatz dazu nicht leicht: vordergründig mit einer unsympathischen, starken salzigen Note, der Charme des Weissburgunders kommt erst im Abschluß und dann sehr zögerlich zum Vorschein. Da war der 2017 Weisser Burgunder trocken "SE" mit seinem Duft nach Apfellikör und gerösteter Haselnuß eher nach unserem Geschmack. Reintönig mit nicht zu süßem Apfel, sanft und angenehm leicht, salziger Körper, lange nachwirkend.

Das Zusammenspiel von Ethanol, Methanol und höherwertigen Alkoholen trägt die Aromatik des Weines und mindert seine Säuredominanz: der Wein wirkt runder, weicher, zugänglicher. Also schöpft Weber mit seinem 2012 Ettenheimer Kaiserberg Grauburgunder trocken "Premium" aus dem Vollen, und heraus kommt ein aromatisch fast überbordend birnenfruchtiges Kraftpaket, stilistisch saftig, dicht, schwer; Abgang mit einem "Wumm" und leichtem Nachbeben. Insgesamt ein Wein, der mit seinen 14 Vol-% den Genießer fordert und manchen überfordern wird, auch wenn es um die Auswahl passender Begleiter geht. Am besten solo genießen, vielleicht kommen noch Käse oder Spekulatius infrage. Der 2015 Chardonnay trocken "Premium" ist dagegen nur in seinem Duft von Mandarinenschalen und warmer Butter fett, wirkt im Mund trotz seiner 13,5 Vol-% schlank, spritzig, grün- und zitrusfruchtig, und wer weiß: vielleicht entwickelt er mit der Zeit einen ähnlich phänomenalen Schmelz wie Daniel Landerers Chardonnay desselben Jahrgangs. Die Anlage dafür hat er, denn Schmelz ist nichts anderes als seidenweich über die Zunge gleitende Säure, perfekt in den aus Glycerin und Alkohol gewobenen Körper des Weines eingefaßt.

Rotweine und der Abgesang auf Neuzüchtungen

Bei der Klasse haben es die Rotweine schwer: der 2012 Spätburgunder trocken "Selektion" nimmt zunächst mit seinem intensiven, floralen, feurigen Duft ein. Im Mund wirkt er sehr viel zurückhaltender, und das zieht immer Enttäuschung nach sich. Wenn auch mit vollem Körper ist es ein recht leichter Wein. Und ein ehrlicher, nicht mehr und nicht weniger. Für sich genommen völlig in Ordnung, aber mit den großen Namen aus der Gegend (nebenan wirkt Bernhard Hubers Sohn Julian) darf man ihn nicht vergleichen. Der 2015er ist im Herbst 2018 noch kantig, adstringierend, holzlastig, da läßt der 2014er halbtrocken seine Beerenfrucht bedeutend heller strahlen. Andererseits ist die dichte, sehr füllige Alternative 2011 Ettenheimer Kaiserberg Spätburgunder Barrique trocken "Premium" uns etwas zu dicht und zu füllig. Es scheint als habe Michael Weber hier ausgetestet, wozu seine "Premium"-Philosophie imstande ist: stark, schwer, dunkelfruchtig mit langem Nachgang und für den langen Winterabend, wobei sich auch bei diesem Wein die Frage stellt, wie lang der Winterabend wohl werden mag, wenn man ziemlich schnell blau ist.

Reinsortige Weine aus Neuzüchtungen gibt es zum Glück ja nur selten, aber auch die Cuvees daraus haben wir langsam satt. Pilz- oder Frostresistenz erkauft sich der Winzer, das steht lange fest, mit ernüchternder Armut an Spannung dieser Weine. Da macht auch die eigentlich sauber wirkende 2011 Cuvee Noir Barrique trocken "Premium" aus Cabernet Carbon und Cabernet Carol keine Ausnahme. Im üblich tiefen, schweren Duft die üblichen Noten aus dem Holzausbau, zugegeben, hier gut eingebunden und zurückhaltend, dann die übliche Schwarzkirsche. Im Mund alles ebenso vorhersehbar: die sehr herbe, samtige, trockene Stilistik, die pfeffrig-schwarzfruchtige, in ihren Dimensionen etwas armselige Aromatik, der kirschige Nachgang, die übliche Verlorenheit, wenn der Wein weg ist, aber kein Verlangen hinterließ. Man hätte auch raten können, wie dieser Wein schmeckt und nachwirkt, und ins Schwarzrote getroffen. Daß Michael Weber in der 2017er Version Carol und Carbon durch Cabernet Cubin, Cabernet Mitos und Spätburgunder ersetzte, macht aus dieser Cuvee leider auch keine Sankt Anna Selbdritt. Dort dient Cubin nur zu Färbezwecken, und Lemberger und Spätburgunder machen die Musik.