Perfekt gemachte Große Gewächse kennt man, und sie zu bewerten ist in etwa so faszinierend wie Jahrgangstastings ewiggleicher Bordeaux, nämlich gar nicht. Garagenkellereien, newcomer, under-the-radar Weingüter zu entdecken ist ungleich spannender, und deshalb kann es sich lohnen, auf der Straße ins Nirgendwo anzuhalten, wenn man das Schild „Weinverkauf“ erblickt. Zum Beispiel jenes vom Weingut Böhringer: 2013 gegründet, rund 1,5 ha Rebfläche, auf denen Trollinger, Lemberger, Spätburgunder, Kerner und Riesling stehen für ein sehr bodenständiges Programm von lediglich neun Weinen und zwei „Seccos“.

Rotweine

Ein Trollinger sollte alle Erwartungen an ihn erfüllen, wenn er aus dem Herzen des schwäbischen Weinbaus stammt, und der 2014 Trollinger tut das. Er beschert saftige Fülle im Mund, wirkt zunächst sehr herb mit roter Johannisbeere, später kommen Mandeln und Kräuternoten hinzu. Kein facettenreicher Wein, aber robuster Begleiter, wenn es an die kräftige Küche geht, und dann entfaltet er plötzlich delikate Süße, gewinnt sogar bedeutend an Tiefe - einstweilen noch, ohne an die Klasse der big player aus der Gegend heranzukommen. Nur so viel Säure, um ihn vor Glätte zu bewahren, aber für einen Trollinger geht das in Ordnung. Starker, fruchtiger und knochentrockener Nachgang: guter Start in das Programm.

Was der Lemberger trocken (o.J. 2016er AP-Nummer) dagegen beschert, ist eine seltsame Erfahrung. Die Probe aus der ersten Flasche zeigt einen recht einfachen, nicht unsympathischen Wein von ausgeprägt herbstlicher, süßfruchtig-dicker Aromatik. Auf der Zunge entfaltet er sich langsam, wirkt vollmundig, aber überextrahiert. Recht wenig Säure, guter Nachhall. Nach einiger Zeit im Glas wird er zunehmend herber und verliert an Fruchtsüße, was ihm guttut. Tiefe und Komplexität fehlen diesem Erstlingswerk, flach und eintönig wirkt er deshalb noch nicht. Wir sind uns einig, daß man ihm zumindest teilweisen Holzausbau spendieren sollte, damit er das hautgout des Besenweins verliert. Aber der Lemberger aus einer zweiten Flasche mit identischer AP-Nummer hat den unverkennbaren Vanilleton der Faßreifung, daneben eine Kakaonote, ist tiefer und von vornherein herber. Was fängt man damit nun an. Vielleicht sollte man sichergehen und sich im Moment einem anderen Wein zuwenden, nämlich dem 2014 Spätburgunder. Zwar ist er ähnlich süß wie die Lemberger-Variationen, aber ihm steht das besser: selbstbewußt rotfruchtig mit ungewöhnlicher Kalknote, voll, jedoch mit Delikatesse, unbedingt trocken, nicht ohne Weichheit und im Februar 2017 noch zu jung. Die Auswahl guter Württemberger Spätburgunder ist nicht allzu groß, und sie sind im Vergleich mit den Lembergern zumeist zweite Sieger. Hier ist es anders. Den Versuch unbedingt wert.

Zugegeben, mit der berühmtesten aller Württemberger Cuvees, dem Trollinger-Lemberger, haben wir kaum Erfahrung. Entweder gewinnen Cuvees durch die Sortenkomposition ungekannte, spannende Akzente oder sie leben von der Vielfalt der Aromatiken und Stile, die ihre Eltern einbringen. Beim Trollinger-Lemberger geht das alles in einem mehr oder minder vergnüglichen Eintopf unter, was ihn für Chirurgen der Aromatik wie uns uninteressant macht. Der 2014 Trollinger-Lemberger ist da keine Ausnahme, weist aber immerhin noch so viel Säure und vergleichsweise so wenig Restzucker auf, daß er nicht klebrig wirkt. Er paßt zu Gebäck, Schokolade, zum Dessert oder ist Alleinunterhalter, wenn es unbedingt Alkohol sein muß. Mehr Worte braucht man nicht zu verlieren.

Rosé- und Weissweine

Der 2014 Spätburgunder Rosé ist von ähnlich guter Qualität wie sein roter Bruder. Für einen Terrassenwein schon fast zu süß, aber das werden wir bei Saisonbeginn nochmals testen. Sauber und transparent, sehr fruchtig, fein perlende, erfrischende Säure, vollmundig, starke Note von Bitterorange im Abgang. Hielt einem sehr scharfen Curry mit viel Kokosmilch problemlos stand. Der Höhepunkt des Programms aber ist der überraschend feine und trotzdem aromatisch kraftvolle 2014 Riesling. Wie in Schwaben üblich, steht er auf der fruchtig-blumigen Seite, aber Würze und leise Mineralität fehlen ihm nicht und sorgen für Tiefe und Spannung. Zu Gemüse- und Fischgerichten sowie nicht zu süßen Nachspeisen ist er der passende Begleiter. Ideales Preis-/Leistungsverhältnis und Beleg dafür, daß Riesling heute zurecht zum Württemberger Standard zählt.

Fazit

Jörg Böhringers Weine mag man ihrer Einfachheit wegen abtun, aber wer das macht, hat seinen Bezug zum Handwerk verloren, der für den Genuß höherwertiger Weine überhaupt erst qualifiziert. Natürlich braucht Böhringer jetzt genügend Zeit, um Stabilität zu entwickeln und genügend Kunden, um sich diese Zeit leisten zu können. Käme man dann noch im digital age an und ließe man sein Corporate Design professionell überarbeiten...