Aus rund 15 ha weiträumig verteilter Lagen gewinnt das jahrhundertealte Weingut über 60 Positionen einschließlich Schaumweinen. Angebaut wird, was Familie Menger so interessiert: Scheurebe, Syrah, Tempranillo und so weiter, ob es nun typisch für die Gegend sein mag oder nicht. Die Mengers bieten aber auch echte Besonderheiten, einst beliebte Sorten, heute Exoten und auf dem deutschen Markt selten zu finden. Darüber hinaus erkor man sich die community jagdaffiner Waidmänner und -frauen zur Zielgruppe für Weine mit sogenannten Schmucketiketten, sprich: mit der Wiedergabe von Jagdmotiven (Fasane, Hasen, „Rebhuhnkette gesprengt“, ...) des Malers Dieter Schiele, und besetzt damit eine Nische. Wer Wild jedoch lieber quicklebendig mag, bekommt alle Weine auch mit Standardetikett.
2021 Chardonnay trocken: sein Duft komplex mit wunderbarer Entfaltung - Tropenfrüchte irgendwo zwischen Ananas und grüner Banane, Zitronenabrieb, auch sanfteres wie frische süße Birne. Im Mund weich und mit feinen Säurespitzen, uns etwas zu süß. Die tropischen Früchte wandeln sich zu heimischen gelben, immer lauert eine Bitternote wie von Kamillenblüte. Kein würziger Akzent, keine Tertiäraromatik. Wirkt frisch, saftig, animierend und insgesamt recht schlank trotz der am Gaumen haftenden Süße, die nach zwei, drei Gläsern öde werden kann. Süßmäuler dagegen bekommen kaum genug, wohl auch, weil es sich um einen unkomplizierten, nicht aber belanglosen Wein handelt. Der Nachhall angenehm weich, gelbfruchtig wie Pfirsichpuree, mit ordentlicher Länge, in der auch noch eine Haselnuss auftaucht. Sein Einsatzgebiet ist uns nicht ganz klar - zur Thai-Küche mit Chili, Zitronengras, Sesam, Huhn et cetera funktioniert er perfekt, als Alleinunterhalter sowieso. Für habhafte Speisen mit fettreichen Saucen, die nach einem kargen, rassigen, strukturierten Wein verlangen, greife man besser zu Riesling.
Zum Beispiel zu diesem hier: 2021 Riesling trocken. Sein Duft erinnert uns an das Schlendern eines frühen Sommermorgens durch die Stuttgarter Markthalle - entlang der Obststände in ihrem süßduftenden weißen, gelben, grünen, roten Überfluss. Wir bleiben bei Orangen, Zitronen, Mirabellen stehen, ein Hauch Safran und Marzipan weht herüber, und jenseits solcher Duftpoetik beißt der Riesling beim ersten Schluck. Wirklich trockener Stoff, knackige Säure, das Schwänzchen Restzucker - ein klarer, erfrischender Wein mit kompaktem Körper, langem, südfruchtigem, leicht exotisch würzigem Nachhall und bei solcher Säure robust gegenüber jeder Zumutung. Für Spargel ist es im Januar 2025 leider noch zu früh, diese Kombination wird jedoch spannend! Weder ist der Wein komplex noch besonders tief, auch glauben wir nicht, daß er zehn Jahre lang auf einen fernen Höhepunkt zusteuern kann, also trinken wir ihn vorsichtshalber einfach jung.
Mengers 2023 Grauer Burgunder ist ein echter „Jagdwein“ im Portfolio: Zitronenabrieb, geröstete Haselnuß, gelbe Früchte, nur zurückhaltend süß, und mit - vor allem im Nachhall - salziger Mineralität in einem Ausmaß, das wir beispielsweise in Baden schwinden sehen. Saftig, nicht zu trocken, aber wasserziehend. Perfekte Balance von Alkohol, Glycerin und Säure, fester Körper, ein Wein mit Struktur, der den üblichen Roten als Partner zu Wild, den dunklen, stundenlang reduzierten Soßen, Rotkraut, Kartoffelknödeln und so weiter problemlos ersetzen könnte.
Der 2023 Silvaner feinherb dagegen ist nicht so geradeaus. Im überflüssigen Etikettentext heißt es: „passt zu Spargelgerichten“. Wir sehen das anders. Viel zu süß für den eigenartigen Geschmack von Spargel - ob weiß oder grün -, und nicht knackig genug, um gegen Bernaise, Hollandaise, beurre blanc oder was als Begleitung infrage kommen mag, zu bestehen. Wir empfehlen, wenn man dafür unbedingt im Programm bleiben möchte, eher Mengers Riesling, und nehmen dieses delikate Silvanerzuckertröpfchen einfach als Solisten. Im Duft saftiger süßer Apfel und Waldhonig mit einem Hauch Zitrus. Im Mund wieder Apfel und Honig, feine Streichelsäure, straffer Zug am Gaumen, schöne Entfaltung, überraschend langer, stabiler und leicht kamillenbitterer Nachhall. Unbedingt kühl zu servieren, um die Süße im Zaum zu halten. Insgesamt nichts für Silvaner-Puristen, aber als ungewöhnlicher Dessertwein? Jederzeit.
Soweit alles gut: ein Programm von enormer Breite, solider Qualität und hervorragendem Preis-/Leistungsverhältnis. Als wir aber vor einigen Monaten zum Thema Historische Rebsorten recherchierten, stoplerten wir über Malvasier, und unter den wenigen Winzern, die ihn anbieten, spielt Menger die erste Geige. Angebaut wird die Variante „Frühroter Malvasier“, eine natürliche Kreuzung von Silvaner und rotem Veltliner, im Ausbau als trocken und feinherb angeboten, sogar einen strahlend birnenfruchtigen Secco gibt es. Für die von uns probierten Weine gilt: lieblicher Duft, und ab da wird es kompliziert. Der 2013 Malvasier trocken duftet nach Waldhonig und Ahornsirup, braun werdendem Apfelfleisch, gelbem Kernobst, schillernd, spannend. Im Mund setzt sich die Spannung unvermindert fort: wir schmecken gelbe und grüne Früchte, Grapefruit, bitteres von Baumharz und Tannennadeln, würziges von Pfeffer und Muskat, köstlich unterlegt von zurückhaltender Süße. Festes Säuregerüst, schlanker Körper, jedoch nicht so rank und schmal, wie zum Beispiel Moselriesling es sein kann. Ordentlicher, honigsatter und orangenfruchtiger Nachhall. Das im Januar 2025 reife Alter ist weder in Farbe noch Geschmack bemerkbar, beweist aber hohe Resilienz, um in modernes Management-Sprech abzugleiten.
Der 2021 Malvasier feinherb haut etwas mehr auf die Pauke mit seinem Duft nach Akazienhonig und Orangenzeste, getrocknete Rosinen tauchen auf, dann wieder blumige und schärfere grüne Noten von Kamille und Scharfgarbe - erwähnten wir, daß es kompliziert wird? Im Mund angenehm süß, heißt: nicht klebrig schwer, feine Orange, bittere Zeste, leicht ölige Textur, zarte Säurespitzen. Als feiner, leichter Dessertwein sehr interessant, weil er im Gegensatz zu Beerenauslesen usw. keinen Zuckerschock verpaßt. Daß mit diesem Charakter der Malvasier einst sehr beliebt war, verwundert nicht. Daß er heute in keinem Standardsortiment zu finden ist, dagegen sehr.
Insgesamt erinnern uns die Weine mit ihrer facettenreichen, ungewöhnlichen Aromatik an gute "Orange"-Weine, ohne deren manchmal befremdliche Aggressivität zu besitzen. Sie sollten konstant kühl serviert werden. Mehr zu dieser besonderen Sorte in der Box.
Regent: eine der umspektakulärsten Neuzüchtungen unter den zahlreichen unspektakulären Neuzüchtungen. Der rotfruchtige und leicht pfeffrige 2023 Regent ist völlig in Ordnung, aber angesichts der vielen guten Weine in Mengers rotem Sortiment liegt die Kaufentscheidung für ihn nicht unbedingt nahe. Das gesparte Geld könnte man wie folgt investieren:
2021 Cuvee des Chasseurs aus Tempranillo und Syrah - sanft mit feinem Vanilleduft, dunkelfruchtig, kompakt, durchaus mit Eleganz und einem Quentchen Restsüße, das sie zugänglich und animierend macht. Einem guten Roussillon vergleichbar, aber einfacher zu genießen, da kein überkomplexer Tropfen, was den Genießer vom üblichen Verkostungs-Firlefanz befreit. Mit perfekt ausgeglichener Säure-Tannin-Struktur in der Reihe der roten Jagdweine unserer Meinung nach der bemerkenswerteste, und die richtige Wahl zum Wildgericht, falls der Graue Burgunder - siehe oben - schon nach der Vorspeise geleert sein sollte (zwei Mal passierte uns das).
Der 2023 Cabernet Dorsa ist eine dichte, schwarzrote Aromenbombe: Kalk, Cranberries, Brombeere, Heidelbeere, schwarze Johannisbeere im Duft, vielleicht auch reife Himbeere, später erdige Töne, die das Kopfbild vom spätsommerlichen Wald abrunden. Im Mund nimmt er von seiner Duftwelt nichts weg. Süße Wintergewürze und etwas schwarzer Pfeffer kommen hinzu, Lästermäuler fühlen sich an Glühwein erinnert, allerdings an einen der kaum zu findenden erstklassigen. Zwar kaum Tiefe oder Finesse, aber das gibt Cabernet Dorsa nicht her. Offensichtlich unfiltriert, weich, körperreich, robust genug gegen den starken Geschmack von Wild, absolut trocken, schöne Entfaltung. Im Nachhall überraschend bitterer Kaffee, und das zaubert zusammen mit dem süßen Waldfrüchtepotpourri, sozusagen der „Brombeerkoalition“, ein delikates und stimmiges Paket (im Gegensatz zum realpolitischen Vorbild). Nicht zu sehr kühlen, dann spielt er das dunkle Potpourri schön und saftig aus.
Der 2023 Dornfelder ist schönes Beispiel für Mengers Mut zum Restzucker, denn ähnlich wie bei Müller-Thurgau oder der Scheurebe sind trockene Exemplare oft derb und nichtssagend. Dieser fröhlich-fette, gänzlich unkomplizierte Alleinunterhalter nicht: weich, süß, süffig und gefällig, kaum Säure, rotbeerenfruchtig mit einem Hauch Holz und ohne weitere nennenswerte Akzente, aber mit beängstigend hoher Trinkgeschwindigkeit.
Auf der Suche nach gutem Spätburgunder kommt uns Rheinhessen nicht unmittelbar in den Sinn, auch nicht bei längerem Nachdenken. Mengers 2021 Blauer Spätburgunder trocken ist im Duft warm, lieblich und sofort zugänglich: Backpflaumen, rote Paprika, natürlich dunkle Beeren, ein Hauch Zimt und dunkle Schokolade. Im Mund überrascht er uns mit herbem, sehr trockenem Charakter. Saftig mit vollem Körper, die Duftwelt zeigt sich auch hier, untermalt von der Würze mediterraner Kräuter und schwarzem Pfeffer. Entfaltet sich heiß vor dem etwas ernüchternd kurzen Abgang und hinterläßt wenig Eindruck. An sich völlig in Ordnung - und wir kehren dankend zur Cuvee des Chasseurs zurück.