Wine is deceptive. Das überall verfügbare Weltweinangebot, die Vermarktungsindustrie drumherum, unfehlbare Kenner mit ihrem Geheimwissen, prätentiöses Szenegeschwätz: alles schlechte Bedingungen für den Zugang zum Thema. Mit unseren Empfehlungen lassen wir das ganze hinter uns und beantworten die wichtigen Fragen:

Welche Rebsorte: eine weiße?

Sortenrein braucht der Einsteigerwein nicht zu sein, aber er muß die Typizität einer einzigen Rebsorte vermitteln und darf nicht zusammengekochter Marmelade ähneln. Üppige, aromatisch-fette Weine sind zunächst ganz beeindruckend, aber sie verkleben Gaumen und Sinne, vielleicht für immer. Eine zur ersten Begegnung gut geeignete, weil wiedererkennbare Rebsorte ist deshalb der Sauvignon blanc. Seinen typisch-scharfen, grün wirkenden Geschmack nach Gras, Brennessel, Stachelbeere oder Paprika vergißt man nicht. Der Wein ist vielseitig: im Frühjahr paßt er perfekt zu Spargel, er gibt im Sommer einen erfrischenden Terrassenwein ab, er ist zu jeder Jahreszeit guter Aperitif, Appetitmacher und Begleiter von Fisch, Krustentieren und Gemüsegerichten. Außerdem läßt Sauvignon blanc leicht erschmecken, wie wichtig die richtige Temperierung für die Entfaltung von Körper und Aromatik ist. Der Temperaturkorridor ist klar erkennbar: darüber verschwimmen die Aromen, darunter erfrieren sie.

Wem diese grüne Geschmackswelt nicht zusagt, könnte zu Riesling greifen. Der verlangt aber Geduld. Er wirkt oft scharf und seltsam bitter, als ob man einen Kiesel lutscht. Vor allem an seine Säure muß man sich gewöhnen, so kommt er Unerfahrenen oft kantig und sauer vor. Aber diese scheinbar wenig inspirierenden Eigenschaften machen ihn zusammen mit seiner gelbfruchtigen Aromatik unnachahmlich frisch, facettenreich und flexibel in der Auswahl von Begleitern und Anlässen. Seine oft kristalline Transparenz macht es relativ einfach zu entschlüsseln, was da die Zunge entlangschrammt. Und man hat die Wahl zwischen dem sommerfruchtig-blumigen Typ und dem strengen mineralischen. Gerade in Deutschland ist die Auswahl hochwertiger Weine mit großer Preiswürdigkeit immens. Internationale Klasse für zehn Euro? Das ist möglich.

Für Einsteiger weniger zu empfehlen ist die Familie der weißen Burgunder wie Chardonnay, Auxerrois oder Weißburgunder. Weißburgunder und besonders Auxerrois sind aromatisch oft so zurückhaltend, daß sie schwer auseinanderzuhalten oder wiedererkennbar sind und Einsteigern schlicht langweilig vorkommen. Und die Weltweinsorte Chardonnay ist aromatisch derart flexibel (manche sagen beliebig), daß der Produzent damit alles machen kann; Ausbau in Stahl, Holz, Ton oder Beton, Blending, Eichenpuder und jede sonstige synthetische Aromatisierung, wie soll sich der Geschmack jemals daran schulen.

...oder rot?

Ähnliches gilt für eine andere Weltweinsorte, den Cabernet Sauvignon, aus dem Großes und Furchtbares entstehen kann sowie alles dazwischen. Fangen wir besser mit in Edelstahl ausgebautem Spätburgunder an. Edelstahl, weil holzausgebauter Wein die Aromen aus dem Holz (vor allem Vanillearoma) oder der Flämmung des Fasses (Toast) aufnimmt. Edelstahl-Wein wirkt klarer, leichter, unverfälschter. So ein Spätburgunder ist mit seiner Waldbeeren-, Kirsch- und Pfefferaromatik fast ebenso unverkennbar wie der Sauvignon Blanc aus der weißen Fraktion. Lemberger ist wiederum sehr facettenreich, da bietet der Trollinger mit weichem Mundgefühl und Aromen von Johannisbeere, Erdbeere und Mandel den einfacheren Zugang. Exoten wie Portugieser oder Frühburgunder: warum nicht, wenn sie aus Ihrer Gegend stammen, aber bitte irgendwann mit anderen Sorten vergleichen. Neuzüchtungen kommen wegen ihres Einheitsgeschmacks für den Einsteiger nicht in Frage.

Woher und von wann?

Rebsorten haben sich über die Jahrhunderte in ganz bestimmten Anbaugebieten etabliert. Denn sie benötigen das richtige Klima und Terroir, also die Gesamtheit der mikrobiologischen Umstände, um zu gedeihen. Obwohl ein guter Winzer auch immer Experimentator ist, muß man nicht jede exotische Idee mitmachen: der Einsteiger halte sich dringend an regionentypische Rebsorten (übrigens zählen einige französische Winzer auch die Geschichte ihrer Region zum terroir). Was regionentypisch ist, findet man mit Blick auf Preislisten heraus: wenn zwischen zehn Badener Spätburgundern ein Merlot auftaucht, kann man den guten Gewissens erstmal beiseite lassen. Ein Sauvignon blanc vom Rhein zum Beispiel, das geht mit hoher Wahrscheinlichkeit schief, und wenn nicht, dann muß man seine Andersartigkeit zu schmecken wissen. Und dazu sollte man schon ein paar Württemberger, Sancerre oder Neuseeländer hinter sich haben. Das sind nämlich typische Anbaugebiete für den Sauvignon blanc.

Der Jahrgang? Spielt bei hochwertigem Wein eine Rolle, wird aber überschätzt. Der Einsteigerwein darf jung getrunken werden, also ein, zwei Jahre nach Abfüllung (kenntlich an den letzten beiden Ziffern der "AP-Nummer" auf dem Flaschenetikett). Aber eben auch nicht früher.

Wie teuer? Unser Plädoyer gegen den niedrigen Preis

Machen wir es kurz. Keinen Wein der 1,99 Klasse kaufen! Den gibt es zwar, es gibt ihn sogar in Massen. Er entsteht aus dem Verschnitt von Restmengen beim Großabfüller, oder er ist das Ergebnis der Drittverwertung ausgepresster, tiefgefrorener und bereits zweitverwerteter Traubenreste. Hinzu kommen die Subventionsfiaskos der Europäischen Union, zum Beispiel in Spanien oder Portugal, wo extreme Mengen produziert werden, die irgendwie verklappt werden müssen, wenn das Essigregal schon gefüllt ist. Das alles hat nichts mit Weinkultur zu tun. Bereits der Qualitätsunterschied zwischen der Fünf- und der Zehn Euro-Klasse ist deutlich schmeckbar, und bei deutschen Weinen kann man sich unbesorgt am Preis orientieren - im Gegensatz zu Südeuropa und Frankreich. Klar: selbst wenn Sie zehn Euro in eine Flasche guten Riesling investieren - der Preis ist, gemessen an Kunst und Mühe, die darin stecken, immer noch eine Schande.

Wo zu finden?

Auch wenn das 2014er Nielsen-Marktforschungspanel feststellt, daß über die Hälfte des Weinabsatzes in Deutschland auf Discounter entfällt: es ist der falsche Einstieg! Nicht nur, daß man zumeist ohne fundierte Beratung auskommen muß. Die Sortimente wenden sich gar nicht an Weintrinker, sondern an Menschen, die heute Abend mal kein Bier trinken wollen. Das Angebot ist von Phantasiemarken der Pfälzer und Badener Großproduzenten (wie dem Badischen Winzerkeller) oder der international tätigen Importeure dominiert. Einheimische Weine sind ganz überwiegend Genossenschaftsprodukte und für den unkomplizierten Konsum gedacht: die Weine dürfen nicht polarisieren, sondern müssen den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner treffen. Dieser Massengeschmack wird mit hohem Alkoholgehalt bedient, um Defizite in der Aromatik des Weins zuzudecken. Hinzu kommen ein recht niedriger Säurewert mit dem Argument, solche Weine seien bekömmlicher (was Blödsinn ist) und hoher Restzucker, denn die Süße am Gaumen animiert zu schnellem Konsum. Insgesamt sind selbst die als trocken beworbenen Weine sehr süffig, das heißt die Aromen sind geschmacklich kaum mehr differenzierbar, sondern sie kleben zu einem sympathisch weichen Paket zusammen, was den Genuß erheblich vereinfacht. So haben diese Weine ihre Berechtigung und ihren Kundenkreis, aber die Beschäftigung mit ihnen ist eintönig und entwickelt den Geschmack nicht.

Da man im Supermarkt alles Mögliche findet, garantiert aber keinen Einsteigerwein, kommt man um den Besuch bei einem guten Winzer nicht herum. Die meisten der von uns kommentierten Weingüter bieten hervorragende Einsteigerweine an. Mit denen kann man für kleines Geld seinen Geschmack schulen, man wird sich damit nie vor Gästen blamieren und: ihnen bleibt man möglicherweise für immer treu.