Franz Keller, Oberbergen: Aldis Keller

Wir besuchen den global player des Kaiserstuhls: das Weingut Franz Keller, Oberbergen. Seine neue location ragt verwegen aus dem Hang, bewacht bedrohlich den Ortsausgang in Richtung Sowjetunion. Breit angelegte Stufen führen zum Bunkereingang. Ein Jahr nach Eröffnung liegen die Kabel der fehlenden Treppenbeleuchtung immer noch wie Schlingnattern in der Sonne herum. Roher Beton und große Glasflächen wirken ernüchternd, und diese Ernüchterung setzt sich beim Betreten fort: Regale, so weit der Blick reicht, gefüllt mit Schnäpsen, Gläsern, ne Schmuckvitrine steht rum, Karaffen, T-Shirts, Essig und Öl, Untersetzern, Büchlein, Weinbelüftern, Flaschenöffnern, wieder Gläsern, Karaffen, was noch, ach ja: Weinen aus Italien, Frankreich… Unser Weg führt zunächst zurück zum Eingang, bewaffnet mit einer Euro-Münze für den Einkaufswagen, allein: es gibt keinen. Da LW mit Accessoires ganz gut ausgestattet ist und das "Franz Keller"-Fahrradtrikot nicht gefällt, wenden wir uns dem Wein zu.

Du kommsch hier net rei - die Erste

Die Weinliste erweist sich als noch nüchterner als der Baustil. Frisch aus dem S/W-Kopierer und schief zusammengetackert. Hatten wir von einigen Winzern weiter unten im Dorf schon besser, aber natürlich sagt das nichts über die Qualität der Weine aus. Sie kennen das mit dem Alkohol und der Grundlage? Vor der Probe also eine Stärkung, eine Etage höher ins Restaurant mit der Siebziger Jahre Uni-Mensa-Anmutung. Ein Blick auf die Karte, aber weiter kommen wir nicht. Eine Azubine, es muß eine gewesen sein, zischt uns an: „Hen Sie reserviert!?“ und verteidigt erfolgreich den Zugang zu "Lauwarmem Thunfisch an Tomate" oder so. Der Preis ist hier übrigens Nebensache.

Du kommsch hier net rei - die Zweite

Also Treppe wieder runter, und ab jetzt im Zeitraffer: erster Wein, zweiter Wein, dritter Wein; Preisniveau ab etwa 13,50 Euro (pro Flasche, nicht pro 6er-Karton). Urteil: hatten wir von einigen Winzern weiter unten im Dorf schon besser. Vierter, fünfter, sechster; Preise ab 18 Euro aufwärts. Urteil: siehe oben - sofern man dies Preisniveau überhaupt sonstwo findet. Also zu den Krachern: „Selektion“ ab 40 Euro. Urteil: siehe oben. Glaubt es! Zudem werden die Spitzenweine nur ungern ausgeschenkt. Unsere Bitte, einen Selektionswein probieren zu dürfen, wird jedenfalls mit der Frage „Wollen Sie nicht einen anderen?“ abgeblockt (Originalzitat). Es reicht. Unser Versuch, die haute volée der Weinwelt zu erobern, ist gescheitert. Wir lassen Tote und Verwundete zurück und fliehen.

Fazit

Möchten Sie Weine von F. Keller trinken, ziehen Sie Jeans und T-Shirt an und begeben sich zu Aldi. Möchten Sie Weine direkt vom Weingut Keller erwerben, legen Sie Ihren Sonntagsstaat an und stellen den Sportwagen sichtbar auf Kellers Parkplatz ab. Vielleicht bekommen Sie ja ein Lächeln geschenkt. Suchen Sie einfach nur gute Weine für Ihren eigenen Keller, dann sehen Sie sich bitte woanders auf dieser Webseite um.

Reiner und Marion Probst, Achkarren: gepfefferte Schweinsbacke

Der erste Besuch...

Die Weinstube des Gutes ist in ihrer ländlichen Gemütlichkeit nicht anders als erwartet. Um Service und Bedienung kümmert sich Frau Probst persönlich, berät und empfiehlt und hilft bei der Auswahl der Speisen und Weine, da das Sortiment nicht gerade zu den kleineren gehört. Also entschließen wir uns zu einer Weinprobe während des Essens. Leider entpuppen sich die Weine, die als Begleiter zu den wirklich empfehlenswerten Speisen ausgesucht wurden, eher als zurückhaltend bis hin zu langweilig. Fairerweise merken wir an, daß Probst an diesem Tage die Nummer Vier auf unserer Liste ist, so daß wir wohl etwas überfordert sind. Die Produkte anderer Winzer geizen auch nicht gerade mit ihren Reizen, und Arbeit macht bekanntlich müde. Also nochmal.

Der zweite Besuch...

Im Rahmen der "Kulinarischen Kellerwanderung" durch Achkarren, einer sehr guten, leider einmaligen Initiative einiger Achkarrer Weingüter, lädt das Weingut Probst zum Hauptgang. Erstmal hinab in den Keller. Empfangen werden wir von Frau Probst persönlich, die den "Syrah" vorstellt. Einige Gäste müssen dem Vortrag leider mit leerem Weinglas, manche auch ganz ohne Glas folgen. Jene aber, die den Wein probieren dürfen, schmecken ihn anschließend beim Hauptgang sofort wieder heraus. Die stark pfeffrige, schon beißende Note eignet sich hervorragend zum Würzen der angebotenen Schweinsbäckle. Dafür liegt der Flaschenpreis mit 19.- Euro aber jenseits unseres Limits für ein Gewürz. Da wir zuvor von Frau Probst aufgeklärt wurden: "... ein Wein der weniger als 19.- Euro kostet, kann nicht gut sein ...", dürfen wir folgendes anmerken:

Liebe Frau Probst, Ihrer Philosophie folgend hätten Sie einen Ihrer Weine aus der 29.- bis 39.- Euro Klasse wählen sollen. Vielleicht hätte er es mit den "Billigen" Ihrer Kollegen aufnehmen können.

Der dritte Besuch...

...fand entgegen früherer Ankündigung dann doch statt. Niemand soll uns vorwerfen, wir würden uns nicht belehren lassen - erst recht eines Besseren. Auszug aus der 2010er Ausgabe des Gault Millau: “Typisch! Dies ist als ein sehr treffendes Merkmal dieser Weine zu nennen. Dies gilt sowohl für die erkennbare Bodennote des Schloßbergs, die sich geschmacklich konsequent bis in die Selektionsweine durchzieht. Daneben zeigen alle Weine deutlich den jeweiligen Rebsortencharakter. Sie sind gestandene Kaiserstühler, die durch ihre kraftvolle, fast glühende Frucht und mundgefüllte Intensität überzeugen”. Zitat Ende, und das "Typisch" gilt auch für das über die Jahre immer inhaltsleerere Geschwafel des Millau.

2009 Muskateller QbA trocken - zartes, schmeichelndes, typisches Muskatelleraroma und Melonen im Duft; im Geschmack dann überraschend  flach mit kaum merklichem Abgang. 2009 Spätburgunder QbA trocken. Aroma: eigentlich keines. Eher muffig, aber nicht erdig. Nach sehr langer Zeit im Glas weicht der muffige Charakter dem sich stark in den Vordergrund drängenden Alkohol. Ein sehr einfacher Begleiter, jedoch nicht zu jedem Essen, da er sonst nur den Mundbefeuchter spielt. Im Abgang sehr sauer und in eine beißende Bitternote übergehend. 2009 Achkarrer Schloßberg Spätburgunder Spätlese trocken: der Schwabe hat sein Versteckerle, das Weingut Probst auch. In Schwaben handelt es sich um die Maultasche, bei Probst um diesen Wein. Der mogelt sich gekonnt an sämtlichen Geschmacksnerven vorbei und ist weg. 2009 Achkarrer Schloßberg Syrah QbA trocken - der Pfefferwein. Siehe da: dezente, sortentypische Note von schwarzem Pfeffer, die nach einiger Zeit im Glas durch intensive dunkle Schokolade ergänzt wird. Keine schlechte Kombination, wenn nicht mit der Zeit die Blockschokolade alles andere verdrängt hätte.

Leopold Schätzle, Endingen: komplett abwesend

Abseits der Straße hinter Maisfeldern liegt das Weingut Leopold Schätzle. Der rustikale Empfang in rustikalen Räumen durch einen heiteren Herrn lässt durch Hinweis auf eine Tochter, die zuständig sei, schließen, daß es sich um den Hausherrn selbst handelt. Zahlreiche Fotos von Prämierungen bestätigen das und wecken Lust auf den Wein. Der scheint  zuvor in Mengen geflossen zu sein, was die zahlreichen Gläser auf Tischen und Tresen beweisen. Trotz der dadurch vermittelten räumlichen Enge, oder vielleicht deshalb, steigt die Lust noch mehr.

Die Tochter erscheint beiläufig und stellt beiläufig den vier erwartungsfrohen Gästen oder eben Kunden ein Glas zur Verfügung. Ein Glas. 1! Die Bitte um Sekt wird gekontert mit “Wenn Sie ihn gekauft haben, können Sie ihn probieren”. Dann eben den Klassiker des Kaiserstuhls, den Spätburgunder. Nun gut, da ich mich auf das Urteil meines Freundes verlassen kann, bin ich auch nicht traurig, nicht probiert zu haben. Die Tochter verschwindet, erscheint ein zweites Mal, ist erstaunt über das Urteil: „Etwas trockener bitte...“ und legt einen obenauf: „Dann probieren Sie unsere Spätlese“ - „Etwas trockener...“ – „...mit einer feinen Kirschnote...“ Nun stehst Du da. Ein Glas, vier Personen, Tochter wieder weg, Kirschnote auch nicht da. Womöglich noch in der Blüte. Es reicht.

Wir verlassen ein Weingut, dessen Patron uns beim Abschied hinterherläuft und überrascht ist, keinen Umsatz gemacht zu haben. Aber wie soll man unseren Geschmack auch treffen, ohne ihn kennenlernen zu wollen. Lieber Herr Schätzle, noch so viele Urkunden können mich nicht dazu bewegen, Ihren Wein zu kaufen. Hätten Sie mich nur probieren lassen, hätten Sie mich vielleicht überzeugen können. Deshalb kein Urteil über Ihre Weine.